September 2004: Je umfangreicher jenes Europa wird, das sich als
„Europäische Union“ wirtschaftlich und rechtlich vereinheitlicht -
und abgrenzt, um so dringlicher wird die Frage, ob diese Union
mehr ist und mehr sein sollte als ein Zweckverband. Um so
dringlicher wird vor allem die Frage, was aus den Sprachen und
Kulturen wird, die in die Union eingebracht werden, vielleicht
auch in sie hineintaumeln und durch sie obsolet werden. Diese
Kulturen und die meisten dieser Sprachen sind geprägt durch ein
politisches Groß-„Projekt“, dessen Ende im europäischen
Einigungsprozeß vor Augen steht, beschworen, beklagt wird: das
„Projekt Nation“. Unter den neueren philologischen Disziplinen
verstand sich gerade die Germanistik in dieser nationalen
Perspektivierung.
September 2004: Die Universitäten und in ihnen insbesondere die
Geisteswissenschaften stehen vor einer drastisch sich ändernden
Situation. Sie stellt nahezu alles in Frage, was Universitäten in
Deutschland seit 1810, der Berliner Universitätsneugründung,
kennzeichnet. In schneller Folge erodieren wesentliche
Qualitätsmerkmale für Geisteswissenschaften. Methodenaktionismus
und immer neue Gegenstandsfunde sind eine schwache und
gesellschaftlich kaum noch wahrgenommene Reaktion.
Dabei sind die gesellschaftlichen Aufgaben gerade dieser
Wissenschaften mit einer neuen Brisanz versehen. Es sind eben die
nationalen Rahmenbedingungen, die sich gegenwärtig auflösen, und
dies mit weitreichenden Konsequenzen für vieles von dem, was
Geisteswissenschaften sind und tun. „Europa“ tritt an die Stelle
der Nationen, so hören und lesen wir - aber dieses Europa ist
jenseits der wirtschaftlichen und bürokratischen Veränderungen
eher ein Schemen als eine politische und konzeptionelle
Wirklichkeit. Nirgendwo deutlicher ist die Herausforderung für ein
neues, wirklich europäisches Denken als auf dem Feld der Sprachen.
Proklamationen der Mehrsprachigkeit stehen europaweit rücklaufende
Zahlen der Fremdsprachenvermittlung in den Schulen gegenüber.
Einsprachige Politiker sind kaum glaubwürdige Zeugen, geschweige
denn Garanten dafür, daß Europa eine multilinguale Wirklichkeit
werden kann, die mehr ist als eine bloße Addition von durch die
alten Grenzen voneinander abgeschnittenen Einsprachigkeiten. Die
Sprachen der Erinnerung sind weithin noch national orientiert. Dem
Umgang mit der Fremde in Europa fehlt es an Konzepten und
Verfahren; Hermeneutik, die Verstehenslehre, wagt sich als
interkulturelle Hermeneutik darüber hinaus, aber sie ist weit
davon entfernt, die europäischen Sprachen als zu Verstehendes zu
thematisieren. Das Deutsche als Fremdsprache, weltweit vermittelt,
ist, jüngste germanistische Disziplin, im öffentlichen Bewußtsein
der Bundesrepublik noch kaum angekommen. Sein Beitrag zur
Transnationalisierung verbindet sich mit den Fragen der
Sprachvermittlung für Migranten und Migrantinnen. Eine
„Landeskunde“ ist kaum auch nur in Umrissen zu erkennen -
methodisch, inhaltlich und in ihren möglichen Vernetzungen mit
entsprechenden wissenschaftlichen Unternehmungen anderer
europäischer Länder. Von außen ergeht die Forderung, solche
Kenntnisse als „cultural studies“ vorzuhalten - eine
Herausforderung, die anzunehmen die Germanistik gefordert ist. Die
nationalen Perspektivierungen von Philologie haben für
Mediävistik, für die Wissenschaft von der neueren deutschen
Literatur und für die germanistische Sprachwissenschaft eine Fülle
von Erträgen gebracht - und sie haben, weit weniger bemerkt,
Defizite erzeugt, die zur Provokation für Veränderungen des
philologischen Geschäftes werden können. Der literarische Kanon
ist noch immer weithin national gebunden. Eine europäische
Sprachgeschichtsschreibung findet kaum statt.
Die Herausforderungen für die Philologien als
Wissens-Wissenschaften betreffen Kernbereiche ihrer Ergebnisse und
ihrer Methoden. Die literarischen Objekte werden im Spannungsfeld
zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik wahrgenommen.
Gerade im deutschen Sprachraum ist das Verhältnis beider
konkurrentiell, Beispiel für eine Streitkultur, in der das
„agonale Prinzip“ exemplarisch sichtbar wird. Die „Aura“ des
Wortkunstwerkes liegt dem voraus: Kann die Ratio seiner Analyse
sie einholen? Ist eine ästhetische Erziehung möglich? Was
charakterisiert Literatur, ist sie ein neuzeitliches, vielleicht
ein philologisches Konstrukt? Die „fremde Literarizität“
mittelalterlicher Texte gewinnt neue Lesarten für das, was
Literatur ausmacht. Schönheit, Lust und Wissen sind Facetten des
philologischen Geschäftes, die durch dessen positivistische Praxis
in der Gefahr stehen, analytisch zum Verschwinden gebracht zu
werden. Ist eine Wissenschaft möglich, die diesen Gefahren
entgeht? Ist eine Didaktik möglich, die Lesen als Faszination
erlebbar macht?
Der Germanistentag 2004 bietet ein Forum für die Befassung mit
diesen vielen Facetten einer komplexen kulturellen Konstellation,
bietet einen Ort für Faszination und Wissen. Er lädt ein zu
Vorträgen, Diskursen, Kontroversen.