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Wortgewandt und Zeitverbunden. Bukowinische Presse in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Platz und Rolle literarischer Beiträge oder Wie eine Zeitung ward und starb

 Von George Guţu

[In: Deutschsprachige Zeitungen in Mittel- und Osteuropa. Sprachliche Gestalt, historische Einbettung und kulturelle Traditionen.

Hrsg. v. Jörg Riecke u. Britt-Marie Schuster. Weidler Buchverlag, Berlin 2005, S. 425-456]

1. Zum Pressebetrieb in östlichster k.u.k-Randprovinz

Das Pressewesen der Bukowina, der östlichsten Provinz des ehemaligen habsburgischen Reiches, verzeichnet in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also in der Zeit nach der Wiedervereinigung dieser Provinz mit Rumänien, eine bemerkenswerte, erstaunliche Blütezeit. Dadurch war es allen in Rumänien lebenden Völkerschaften möglich, in einer Atmosphäre weitgehender bürgerlich-kultureller Toleranz und trotz zeitbedingter diktatorisch-undemokratischer Manifestationen eine blühende journalistische und kulturelle Tätigkeit zu entfalten, die auch dem deutschsprachigen Pressewesen zugute kam. Infolge der Tradition der beinahe 150 Jahre währenden österreichischen Herrschaft erschien hier – neben ukrainischen, polnischen und vor allem rumänischen[1] – eine Vielzahl von Publikationen in deutscher Sprache, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfaßten. Nachstehend beabsichtigen wir, einige Überlegungen anzustellen zu diesem bedeutenden Aspekt des geistigen und Kulturlebens in der zumindest seit Paul Celans berühmten, durch inzwischen überstrapazierte Worte bekanntgewordenen, „der Geschichtslosigkeit anheimgefallenen Habsburgischen Provinz“ (Celan 1968, 128).

Trotz heterogener Methodenzugänge, trotz unscharfer Definition des Gegenstands und noch ungenügender Reflexion medienspezifischer ästhetischer Dominanzen kann durchaus von einer Zeitungs- und Zeitschriftenforschung als „eigenständige(m) Fachgebiet innerhalb der breiten Palette literaturwissenschaftlicher Forschung“ (vgl. Hackl/Krolop 2001, 7) gesprochen werden.

Der Feuilletonismus nahm in den Zeitungen der Bukowina jener Periode nach dem Muster von Karl Kraus in Wien einen festen Platz ein. Die Problematik deckte die breite Palette des zeitgenössischen Interesses der Leserschaft und belegte eindeutig eine zeitbedingte Wortverbundenheit, wie sie in der Erforschung des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens definiert wird (ebd.).

Für das bessere Verständnis der interkulturellen Austauschprozesse in der von mehreren Völkerschaften bewohnten Provinz sind Zeitungen und Zeitschriften von grundlegender Bedeutung. Die Fokussierung auf einzelne Publikationen und auf ihre kulturverbreitende und -vermittelnde Leistung beleuchtet Momente dieses Prozesses und trägt zum tieferen Einblick in die Zeitproblematik bei

Zeitschriftenforschung bedeutet […] auch Beschäftigung mit Zeitschriften (und Zeitungen; G. G.) als kultur- und zeithistorischen Dokumenten, weil sie angesichts der politischen Katastrophen des Zwanzigsten Jahrhunderts den Blick auf politische und kulturhistorische Phänomene zu differenzieren vermögen oder diese vom Vergessen bewahren (ebd., 8).

Eine derartig interferierende, journalistische Kultur- und Sprachtätigkeit soll in den nachfolgenden Überlegungen durch eine relevante Erscheinung des Pressewesens in der Bukowina der 30er Jahre illustriert werden. In der ohnehin reichhaltigen, mehrsprachigen Presselandschaft der Bukowina nahmen die deutschsprachigen Publikationen einen bedeutenden und breiten Raum ein. Der nach 1918 begonnene Romanisierungsprozeß in einer Provinz, die etwa 144 Jahre lang unter österreichischer Verwaltung stand, die ihrerseits dem deutschsprachigen Element selbstverständlich eine eminente Rolle zuwies, trug der neuen Realität und den neuen Bevölkerungsverhältnissen in den erweiterten Grenzen Rumäniens Rechnung: der rumänische Bevölkerungsanteil stieg durch den Wiederanschluß der Bukowina an Rumänien in beträchtlichem Maße. Diese ehemalige Provinz der Habsburger Monarchie wurde somit zu einem relativ kleinen Teil Großrumäniens, in dem die Staatssprache eben Rumänisch war.[2] Doch entgegen allen voreiligen und oft klischeehaften Einschätzungen über die neu entstandene Lage in der Bukowina, trotz restriktiver Maßnahmen der neuen rumänischen Behörden, blieb es in dieser Region jedem überlassen, seine eigene Sprache, seine eigenen Kulturtraditionen weiterhin zu pflegen und zu fördern. Dies erklärt auch den Aufschwung der deutschsprachigen Presse in der Bukowina, die neben der rumänischen den bedeutendsten Platz eingenommen hat.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige dieser Publikationen angeführt: Czernowitzer Abendblatt. Abendausgabe des Czernowitzer Morgenblatt (1931–1937); Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Unabhängiges Tageblatt (1920–1939); Czernowitzer Blätter (1929–1937); Czernowitzer Deutsche Tagespost. Allemeine Zeitung für das Deutschtum in Großrumänien (Czernowitzer Ausgabe der Deutschen Tagespost in Hermannstadt) (1924–1940); Czernowitzer Extrablatt (1930–1937); Czernowitzer Freie Presse. Unabhängige Wochenschrift (Chefredakteur und ver­antwortlich: Isak Landesberg) (1930); Czernowitzer Humor. Zeitschrift für Humor und Satyre (1925–1931); Czernowitzer Illustrierter Allgemeiner Kalender (1928); Czernowitzer Messe-Zeitung. Freie Presse für Wirtschaft und Industrie. Hrsg. und verantwortlicher Chefredakteur Hermann Lehrer (1928), Czernowitzer Morgenblatt (1919–1940); Czernowitzer Provinz­bote“ (Storojineţ, 1931–1932); Czernowitzer Sonn- und Montags-Zeitung (1927–1930); Czernowitzer Tagblatt. Unabhängiges Informationsblatt (1935–1938); Bukowinaer Volkszeitung. Organ für jüdische Politik, Kultur und Wirtschaft (1929–1937); Bukowinaer Wahrheit. Unabhängiges demokratisches Organ (1933–1934); Czernowitzer Wirtschafts-Kurier. Organ für Volkswirtschaft und Wirtschaftspolitik in Rumänien (1929); Czernowitzer Woche. Illustriertes Familien-Wochenblatt (1927–1928), Czernowitzer 8-Uhr-Blatt. Unabhängiges Organ der Minoritäten (1930); Der Tag (1932–1935).

Diese Vielfalt der Presseorgane in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen[3] signalisiert ein hohes Maß an Toleranz und Verständnis für das Andere und den Anderen in dieser mehrsprachigen Vielvölkergegend auch in einer Zeit, in der sich in Europa Intoleranz und Völkerhaß in traditionsreichen Kulturländern wie etwa Deutschland und Italien besorgniserregend breit machten. Davon blieb allerdings die Bukowina – wie ganz Rumänien auch – nicht verschont. Die Präsenz der deutschen Minderheiten in den verschiedenen Regionen Rumäniens verkomplizierte um ein Beträchtliches die ohnehin aus historisch althergebrachten Gründen belastete Lage – die Sympathie vieler Deutschen auch in Rumänien für die sogenannte „Erneuerungsbewegung“ in Deutschland sollte allgemein Zwietracht schüren und Anlaß zu zunächst intellektuellen Debatten, Meinungsverschiedenheiten (vgl. Guţu, 1992), schließlich auch zu blutigen Auseinandersetzungen bieten. Nachstehend beabsichtigen wir die Entstehung, Entwicklung und den Untergang einer deutschsprachigen Zeitung in der Bukowina monographisch darzustellen, um einen mindestens teilweise aufschlußreichen Einblick in die historisch bedingten gesellschaftlichen, ökono­mischen, kulturellen, nicht zuletzt auch menschlichen Mechanismen des Zusammenlebens in einem pluriethnischen und mehrsprachigen Raum zu gewinnen.

 

2. Eine Zeitung und ihr programmatischer Ansatz

Es handelt sich um die Tageszeitung Der Tag, die in einer geschichtlich schicksalshaften Zeitspanne 1932–1935 in Czernowitz erschienen ist. Auf den Markt kam Der Tag am 13. März 1932. Es war allerdings keine absolute Neuerscheinung, wenn man bedenkt, daß ab 1903 Das Tagblatt herausgegeben wurde, das in den Wirren des Ersten Weltkriegs untergegangen war, und daß zwischen 1935–1938 ein weiteres Tagblatt erschienen ist. Auf Seite 4 der ersten Nummer von 1932 wird in einem Prospekt zur Ankündigung des Tag auf Tradition und Bruch hingewiesen:

Wir sind nicht die Neuen, wir sind die Alten, verjungt, modernisiert, dem Zeitgeist angepaßt. Ein Programm dieser Zeitung zu entwickeln, was sie in der Zukunft beabsichtigt, wäre nach allem, was sie in der Vergangenheit so oft bewiesen hat, unserer Stadt im Dienste ergeben zu sein, der Bukowina, dem Reiche, in dem wir wohnen, das wir groß und reich sehen wollen, diesen Bewohnern aller Sprachen und allen Konfessionen, die hier leben, überflüßige Arbeit (Der Tag, 13. März 1932, 4).

Unter dem „Reiche, in dem wir wohnen, das wir groß und reich sehen wollen“ war das damalige Königreich Rumänien gemeint, was darauf schlie­ßen läßt, daß die Zeitung die Enge der Stadt Czernowitz, ja der Buko­ina, sprengen und alle Deutschsprachigen in Rumänien erreichen wollte.[4] Das ist ein erneuter Beweis dafür, daß der neue staatliche Rahmen nach 1918 die Möglichkeit schuf, daß die einzelnen deutschen und deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen in Rumänien – also Siebenbürgens, des Banats, der Dobrudscha und der Bukowina – engere Kontakte anknüpften, miteinander ins Gespräch traten und oft lebhafte Auseinandersetzungen über aktuelle Fragen, über politische, ökonomische und kulturelle Aspekte vor allem in der Presse auslösten.[5] Der Begriff „rumäniendeutsch“, der dem naziideologisch geprägten Begriff „alldeutsch“ entgegengestellt wurde, bildet sich unter diesen neuen Kommunikations- und Lebensbedingungen und entbehrt – seit Anbeginn, aber auch später, in der kommunistischen Ära – jeglicher ideologischen Konnotation – er trägt einer geographischen und staat­lichen Lage Rechnung, die nicht anders bezeichnet werden konnte. Daß dabei zunächst nicht alle deutschsprachigen Einwohner in Rumänien durch diesen Begriff mit gemeint waren, lag auf der Hand, doch später erlangte er eine allgemeine Bedeutung. Auch die Presse der Bukowina verfolgte implizite jenes Ziel, das auch manch literarisch Tätigem dieser Region vorschwebte: „in den weitesten Kreisen […] Beachtung und Anerkennung“[6] zu finden, also möglichst viele (nicht nur in dieser Region lebende) Deutschkundige zu erreichen und anzusprechen.

 

3. Zeitbedingter Wirrwar

Noch auf Seite 5 der ersten Nummer wird auf allgemeindeutsche Erscheinungen in interkulturellen Zusammenhängen aufmerksam gemacht: Goethes bevorstehendes 100. Todesjubiläum wird zum Anlaß genommen, um die Vorträge des rumänischen Germanisten aus Czernowitz Victor Morariu: „Goethe in der rumänischen Literatur“ und des rumäniendeutschen Deutschlehrers und Publizisten Alfred Klug: „Über ‚Faust’“ anzukündigen, die in der Ausgabe vom 20. März (Seite 3) veröffentlicht werden sollten. Von Anfang an wurde also der literarische Bereich ins Blickfeld der Redaktion und damit auch des angesprochenen Lesers gerückt. Auf diesen Aspekt, auf Platz und Rolle literarischer Beiträge im legendär ge­wordenen Pressewesen der Bukowina werden wir anhand dieser Zeitung noch zu sprechen kommen.

Nach Stellungnahmen des Chefredakteurs Arnold Schwarz, der den nun in größerem, fünfspaltigem Format in Frakturschrift, also nicht mehr in der üblichen Antiquaschrift, erscheinenden Tag gelegentlich als „die mo­dernste und aktuellste Zeitung der Stadt“ lobte, hob der Kolumnist Pepi Rosenfeld in der Ausgabe vom 17. März 1932 folgendes hervor: „’Der Tag’ ist heute das Problem der armen Menschheit, vielleicht bricht mit dem Erscheinen des neuen ‚Tag’ ein neuer, heller Tag an.“ Signalisiert wurde dadurch die sozialdemokratische Orientierung des Blattes, die auch Berichte von der Feier am 1. Mai in Czernowitz brachte, auf dem auf Polnisch, Jüdisch, Deutsch und Rumänisch gesprochen wurde (Der Tag, 4. Mai 1932, 2). Die sozialdemokratische Komponente der Haltung dieser Publikation wird sich auch in den großen, heftigen Auseinandersetzungen der Epoche immer deutlicher zeigen. Im Blatt wird ständig auf die Problematik der sie tragenden Bevölkerungsschicht, der in Rumänien lebenden Juden, auf das Verhältnis zwischen Juden, Rumänen, Ukrainern und Deutschen sowie auf die Spaltung der Deutschen in Rumänien im Zusammenhang mit ihrer Haltung zu Hitlerdeutschland durch entsprechende Berichte hingewiesen – doch zugleich wird auch das Mittel Literatur und Literaturberichterstattung zu diesem Zweck eingesetzt. Den beredtsten Ausdruck dieses inhaltlichen Zusammenhangs liefert die Berichterstattung von der Goethe-Feier[7] des Deutschen Kulturvereins in Czernowitz, in der es heißt, bei dieser Gelegenheit sei etwas „Unglaubliches“ geschehen:

… Alle Gesangsvereine hatten sich bereit erklärt, an dieser Feier mitzuwirken. Es gab keine nationalen und konfessionellen Unterschiede mehr.“ Die Feier „hat gezeigt, daß wir, die wir in einem so polyglotten Ländchen wohnen, wie es die Bukowina ist, uns trotz aller häufig künstlich aufgeführten Schranken in Eintracht und Verständigung finden können, wenn es sich um einen über Parteienzank und einseitigen Volkstum stehenden Zweck handelt (ebd. 23. März 1932, 2.).

Wenn man dabei berücksichtigt, daß auf der ersten Seite derselben Nummer vom 23. März 1932 über die Rede Hindenburgs berichtet wird, der am Goethetag in Berlin zur Einigung der Deutschen aufgerufen hatte, dann weiß der Leser, daß es auch dem Tag und seinen Adressaten in der Bukowina und in ganz Rumänien an einem ähnlichen Aufruf dazu lag, den immer stärker ans Tageslicht tretenden antidemokratischen Tenden­zen in Deutschland und in ganz Europa entgegenzuwirken. Die Goethe-Feier in der Bukowina sollte deshalb beispielhaft wirken. Der Bukowina-Deutsche Alfred Klug bekannte, Goethe sei „der große Geist, der uns allen, nicht nur den Deutschen und Deutschsprechenden, sondern allen Völkern so unendlich viel Schönheit, Klarheit und Reinheit gebracht hat; in unser Leben soll Goethes ‚Mehr Licht’ eindringen.“ (Klug 1932, 1).

Auf Diktatoren gleich welcher Couleur hat die Publikation unmißverständlich hingewiesen – mit Blick auf den unaufhaltsamen Aufstieg des braunen Hitler wurden einige Beiträge unter der Überschrift „Stalin, der rote Zar. Aus dem Leben des geheimnisvollen Diktators“ (Der Tag, 3. April 1932, 3) oder über „Analphabeten im Sowjetparadies“ (ebd. 11. Ju­ni 1933, 4) veröffentlicht.

Da das Blatt neben der auflagenstärkeren Czernowitzer Allgemeinen Zei­tung von jüdischen Einflußkreisen getragen wurde, nahmen die Informationen über innerjüdische Auseinandersetzungen von Anfang an einen bedeutenden Platz ein. Die in Großrumänien gegründete Jüdische Reichspartei meldet sich durch Mayer Ebner zu Wort, der eine Zusammenarbeit mit der nationalzionistischen Partei ablehnt (ebd. 14. Juni 1932, 1)[8], obwohl er kurz vorher Palästina besucht und darüber positiv berichtet hatte[9]. Die weltpolitischen Ereignisse, vor allem jene in Deutschland, verdrängen die polemischen Akzente, die Ende 1933 bis Anfang 1934 auf lokaler Ebene allerdings umso heftiger ausbrechen. Markus Menczer, Moses Salomovici, Oskar Deutsch und Leo Greif richten einen öffentlichen „Aufruf an die jüdische Bevölkerung zur Rettung der jüdischen Gemeinde“ (ebd. 31. Dezember 1933, 6), der eine recht heftige „Polemik Dr. Ebners gegen Dr. Menczer“ (ebd. 12. Jänner 1934, 4) zur Folge hat. Gegen Jahresende richtet Dr. Markus Menczer einen „Offene(n) Brief an Herrn Dr. Wilhelm Fildermann, Präsident der UER“, auf den Jacob Goldenberg mit einem eigenen „Offene(n) Brief an Herrn Dr. Markus Menczer, derzeit Vorsitzender der Interimarkommission der Jüdischen Gemeinde in Cernăuţi” (ebd. 29. Oktober 1934, 6), antwortet. Die Zeitung zeigt deutliche Sympathien gegenüber der Zionistenbewegung – so wird am 28. April 1935 (S. 12) über den neunzehnten Zionistenkongreß berichtet, was auf dem Hintergrund dessen, was sich damals in Europa abzeichnete, durchaus zu verstehen ist. Doch die lokalen Interessen schienen vielfältiger und komplizierter zu sein, so daß traditionsgebundenere Jiddischisten und aufgeklärte Assimilierte oft ein anderes Verständnis der Zeitereignisse und der dazu notwendigen Haltung an den Tag legten.[10] Die Nähe der Sowjetunion hat für die Bukowina eine große Rolle gespielt. Angesichts der nationalsozialistischen Entwicklungen in Deutschland bekundeten immer mehr Juden ihre Sympathie für die linken Ideen, was ihnen in Rumänien jener Zeit den schlechten Ruf von Verfechtern der kommunistischen Ideen einbrachte und manche Hexenjagd zur Folge haben sollte. Dieser Hexenjagd fiel auch einer der Mitarbeiter des Tag zum Opfer, der Literaturkritiker und Essayist Helios Hecht, der eine Zeit lang mit Rose Ausländer liiert war. Der Kolumnist der Zeitung, Heinrich Goldmann, schreibt am 23. Dezember 1932 in der Rubrik „Die Novelle des Tages“ einen Epilog im Zusammenhang mit der Freisetzung des vollkommen unschuldigen Helios Hecht, der wegen kommunistischer Umtriebe beschuldigt und verhaftet worden war (ebd. 23. Dezember 1932, 1).

Die erwähnten inneren Auseinandersetzungen traten allerdings angesichts der braunen Gefahr weitestgehend in den Hintergrund. Auch in Rumänien stehen gewissen Exzesse der rechtsgerichteten Kräfte auf der Tagesordnung. Deswegen veröffentlicht das Blatt nicht nur sachliche Berichte, sondern auch ablehnende Stellungnahmen zu diesen unglücklichen Ereignissen – so etwa auch jene von Nicolae Iorga, dem bekannten Historiker, der sich dazu in der rumänischen Zeitung Neamul Românesc oder in Adevărul[11] unmißverständlich ausgesprochen hat:

Zwei Zivilisationen stehen einander gegenüber. Eine sucht die andere zu vernichten. Die alte Zivilisation ist ethisch, christlich und römisch und bedeutet Respekt für das Recht, Menschenliebe und die Liebe zu allem Schönen; die neue Zivilisation kennt nicht das Rechtsprinzip. Diese Zivilisation schreit, bedroht, greift an und tötet. Deshalb ist es erklärlich, daß alle Länder in ihrer demokratischen Auffassung gegen diese Zivilisation Protest erheben (ebd. 23. April 1933, 7).

Zugleich wird auf Iorgas Worte aufmerksam gemacht, die sich auf den Abgeordneten der Deutschen im rumänischen Parlament und Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen, Dr. Brandsch, bezogen. Weil der Rumäniendeutsche Brandsch in Sibiu/Hermannstadt sich gegen die Einführung von Hitlers Regime in Rumänien öffentlich ausgesprochen hatte[12], nannte ihn Iorga „einen deutschen Realist(en)“ (ebd. 20. Mai 1933, 4). Iorgas Parteinahme zugunsten Brandschs ist eng verbunden mit seiner immer deutlicher werdenden Ablehnung der brutalen Methoden der nationalex­tremistischen „Eisernen Garde” in Rumänien, die ihn bekanntlich 1940 meuchlings ermordete. Zumal Brandsch zu einem Fall wurde, der auch über die innere Zerrissenheit unter den Rumäniendeutschen oder über Meinungsunterschiede zwischen Rumäniendeutschen und Rumänen Aufschluß gab. Das Blatt berichtet am 23. Juli 1933 über „Nazi-Emissäre in Siebenbürgen” und über das gespannte Verhältnis zwischen Sachsen und Rumänen (S. 3): so auch im Beitrag „Abfuhr”, in dem zum Verhältnis zwischen der Eisernen Garde und den Siebenbürger Sachsen Stellung genommen wird (ebd. 29. Oktober 1933, 1). Auch andere rumänische Staatsmänner warnen vor den faschisti­schen Tendenzen unter den Rumäniendeutschen.[13] Der Zusammenschluß der demokratisch Gesinnten führt zugleich zur Akutisierung der extremistischen Gefahren: So wurde schließlich Brandsch aus der Deutschen Volkspartei ausgeschlossen und der Nationalsozialist Jickeli zum Vorsitzenden gewählt (ebd. 25. Novem­ber 1933, 4). Ähnliche Tendenzen unter den Deutschen wurden sowohl in der Bukowina als auch in Siebenbürgen mit Besorgnis registriert:

Die Bukowina hat in den letzten Monaten die Ausgeburten der hitleristischen Rassenlehre kennen gelernt, die in ihrer Verpflanzung auf rumänisches Territorium noch grotesker wirken. Siebenbürgen steht darin der Bukowina nicht nach. Hier hat der Nationalsozialismus eine noch viel ältere Vergangenheit, hat er doch hier, und gerade von Sibiu aus, für ganz Rumänien seinen Ursprung genommen (ebd. 9. Juli 1933, 4).

Unter Bezugnahme auf Berichte in der rumänischen Presse wird die „mu­tige Stellungnahme“ Brandschs „gegen den Nationalsozialismus in Rumänien“ hervorgehoben, die ihm „die Anerkennung aller besonnenen Elemente eingetragen, aber auch viele Feindschaften gebracht“ haben, „welche hauptsächlich der Konkurrenz um die politische Führerschaft der Deutschen in Rumänien entspringen.“ Man begreife die Annäherung zwischen dem Führer der deutschen Partei in Rumänien Dr. Hans Otto Roth und den rumänischen Extremisten nicht, denn nach der „alldeutschen“ Auffassung ist die deutsche Rasse allen anderen überlegen, jene Rasse, welche auf der Einheit der deutschen Sprache beruht und nach der Theorie des Nationalsozialismus am Rhein und am Schwarzen Meer endet, also jedenfalls die Deutschen Rumäniens mit einschließt. Brandsch habe in Sibiu/Hermannstadt eine neue Publikation, die Neue Zeitung, herausgegeben und darin eine deutliche Warnung an die Adresse der Deutschen in Rumänien ausgesprochen (ebd.):

Die politischen Verhältnisse der Gegenwart fordern von jedem einzelnen und von jeder Gruppe ein volles Farbebekennen. Jeder muß heraus aus seinem Versteck, jeder muß offen erklären, ob er mithalten will an der Reinigung des öffentlichen Lebens. Die angeborene  Gutmütigkeit der Siebenbürger Sachsen hat viel zu lange eine Bewegung aufkommen lassen, die durch den Umsturz in Deutschland starken Wind in ihre Segel bekommen hat. Diese Bewegung wird von dem größten Teil unseres Volkes abgelehnt. […] Wirkliche, im Volk verwurzelte Meinungsverschiedenheiten, die einen Bruderkampf rechtfertigen würden, gibt es bei uns nicht. Erneuern heißt aber nicht zerstören [….] Wir brauchen Arbeit und Brot. Wir brauchen keine Herrschaft von Maul und Faust.

Im Oktober 1933 erteilen selbst die rumänischen Extremisten, die Mitglieder der Eisernen Garde, den Deutschen in Rumänien eine Abfuhr: „Wir werden den Deutschen Rumäniens einen Hitlerismus in voller Form nicht gestatten“, worauf die meisten Presseorgane kommentierten: „Wenn die deutschen Parteiführer in Rumänien das Regierungsprogramm der Codreanus lesen, dann wird es ihnen vielleicht wie Schuppen von den Augen fallen, und sie werden erkennen, daß der bisherige Weg, der Weg der Hitlerpolitik in Rumänien, ein Irrweg war“ (ebd. 29. Oktober 1933, 1).[14]

So daß es noch im Dezember des gleichen Jahres zu einem Wahlkartell der Deutschen mit der rumänischen Regierung kam, die die Auflösung der „deutschen nationalsozialistischen Organisationen“ versprach.[15] Die weitere Entwicklung in Rumänien und in Europa sollte allerdings zeigen, wie unhaltbar solche Versprechen waren.

Als im März 1933 das einjährige Bestehen der Publikation begangen wurde, schrieb der Czernowitzer Publizist und Germanist Ernst Maria Flinker, der Bruder des Prosaautors Robert Flinker, Der Tag sei „ein Organ des freiheitlichen Bürgertums“, der „einen Schritt vom Einfluß Wiens zu dem Berlins bedeutet“ (Flinker 1933, 5) habe. Wie dies allerdings gemeint war, ist uns ein Rätsel – man kann darunter höchstens die technischen Aspekte der Berichterstattung verstehen oder aber eher den Perspektivenwechsel journalistischer Beobachtung: der unheilvolle Einfluß Berlins machte sich in der Bukowina ebenso stark wie in ganz Europa bemerkbar, so daß der Blick der Publikation immer obsessiver auf Berlin gerichtet werden mußte.

Deshalb gesellen sich neben den Beiträgen, die die aktuelle Lage in Rumänien unter den bedeutenderen Minderheiten des Landes verfolgen, immer mehr solche, die sich mit der Absurdität der Entwicklung in Deutschland auseinandersetzen und diese aufs schärfste entlarven. Vor allem die Verschärfung der Attacken gegen Intellektuelle in Deutschland findet starke Beachtung. Berichtet wird über „literarische Ungezogenheiten“, über Exzesse gegen die humanistisch gesinnten Schriftsteller (Der Tag, 7. Mai 1933, 3). Im Gegenzug verurteilen „Schriftsteller der ganzen Welt“ Deutschland, wobei besonders auf die flammende Rede Ernst Tollers auf dem Pen-Klub-Kongreß in Ragußa hingewiesen wird (ebd. 3. Juni 1933, 3). Bernhard Shaw entlarvt Hitlers Judenhaß als eine unheilbare Krankheit (ebd. 27. August 1933, 3), und der Fall Gerhart Hauptmanns wird zum Paradebeispiel für die anpasserische Schwäche des Geistes unter den Bedingungen diktatorischer Machtausübung in Deutschland: „Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann hat zu einer Horst-Wessel-Feier einen Prolog gedichtet … Und so endet Gerhart Hauptmann tragisch. Er war einmal ein Dichter, aber kein Held.“[16]

Im Beitrag „Hauptmanns Höllenfahrt“ wird der Weg des deutschen Dramatikers von der „Versunkenen Glocke“ bis zur „Goldenen Harfe“ kennt­lich gemacht – letzteres Stück hatte Hauptmann unglücklicherweise Nazideutschland gewidmet. Wenn Hitler und Goebbels so sein „mußten“ – stellt der Verfasser des Tag-Beitrags fest –, „denn sie waren die andere Seite des Volkes der Dichter und Denker“, „die Barbaren“, wieso hatte sich Hauptmann zu einer solchen Geste verleiten lassen? „Was wird er sagen, wenn ihn das Weltgewissen fragen wird, warum er Verrat an dem heiligsten Gut jener Nation, dem G e i s t, beging? Verrat an uns allen …“ (ebd. 18. November 1933, 2).

Als Beispiel für die Schwäche des Geistes wird auch der Fall von Jacob Wassermann, des Autors von „Caspar Hauser“ und anderen in Deutschland bekannten Werken, angeführt, der sich in einem Interview nicht darauf einließ, über das damalige Deutschland zu sprechen, und damit die Feigheit auch mancher deutschen Bürger jüdischer Herkunft vor Augen führte: „Das Interview, bestehend aus einem halben Satz, ist das furcht­barste, unwürdigste und enttäuschendste Interview meines Lebens gewesen“ (ebd. 7. Dezember 1933, 3).

Als Gegenbeispiel wird im Tag Stefan George erwähnt. Aus Anlaß seines Hinscheidens hebt der Verfasser des Beitrags die Courage Georges hervor, der Goebbels’ Einladung, der Dichterakademie beizutreten, abgeschlagen und damit seinen deutlichen Abstand zu den Machthabern signalisiert hatte (ebd.). Bert Brecht ist seinerseits in den Spalten der Zeitung auch vertreten, und zwar mit einem „Hitlerchoral“, einer Parodie auf die Melodie „Liebe den Herrn, den mächtigen König der Ehren“ (11. März 1934, 6). Zu Hitlers Mißbrauch von Goethe-Zitaten nimmt der Direktor der Zeitung selbst Stellung in einem Beitrag mit vielsagendem Titel: „Goethe-Zitate in Affen-Darstellung. Aus dem Tagebuch eines berühmten Clowns“ (10. Juni 1934, 8). Wie doch geschätzte Künstler sich von der Naziideologie verführen ließen, wird am Beispiel der Frau des Ministerpräsidenten Göring, der Staatsschauspielerin Emma Sonnemann-Göring deutlich gemacht. Den Fall stellte kein geringerer als Klaus Mann vor (5. Mai 1935, 2). Und wo es um die tödliche Gefährdung bekannter, mutiger Intellektueller ging, wurde die Öffentlichkeit mobilisiert. In einer Berichterstattung aus Prag meldet sich Kurt Hiller beschwörend: „Die Kulturwelt rette Carl von Ossietzky!“ (3. März 1935, 1/8).

 

4. Geistige Regungen

Es ist selbstverständlich, daß die Zeitung Der Tag ständig die aktuellste Meldungen aus dem politischen, wirtschaftlichen und internationalen Geschehen ihren Lesern vermittelte, die auch sonst in fast allen Blättern mit den jeweiligen Akzentsetzungen anzutreffen waren. Unsere Aufmerksamkeit gilt deshalb den spezifischen, das Profil dieser Publikation individualisierenden Beiträgen, die eben wortgewandt und zeitgebunden zugleich die geistigen Spannungen der Epoche mit spezifischen Aussagen knapp, unmißverständlich, einprägsam zur Sprache brachten.

Deshalb richten wir im folgenden unsere Aufmerksamkeit auf die geistig-literarischen Regungen in der Bukowina selbst, um zu erkunden, welche Rolle und welche Bedeutung dem epochenbedingt feuilletonistisch geprägten randliterarischen Phänomen zukam und wie die Querverbindungen zu den Zentren der deutschsprachigen Literaturproduktion sowie zu den anderssprachigen geistigen Landschaften der Bukowinischen Heimat ausgesehen haben.

Daß die ersten Hefte des Tag ganz im Zeichen des 100. Todestags Goethes standen, belegt noch einmal die mit Goethes Denken und Werk ver­bundene dominierende humanistische Gesinnung in intellektuellen Kreisen in Rumänien der Zwischenkriegszeit, wie wir auch am höchst bemerkenswerten Dialog eines deutschsprachigen rumänischen Juden, Alfred Margul-Sperber, mit dem rumäniendeutschen Schriftsteller und Publizisten Heinrich Zillich nachgewiesen haben (vgl. Guţu 1992, 206–215).

Im Sinne der Prädomination des Geistes in einer Zeit barbarischer Tendenzen werden bukowinische Autoren dem deutschkundigen Leser vorgestellt. Als erster wird Ende März 1933 der Denker und Dichter Elieser Steinberg von Helios Hecht gewürdigt[17]:

Wenn er sprach, stand die reiche, bunte Märchenpracht einer Welt vor uns, die in ihrer Ferne und Wahrheit himmlisch ist. Sein Geist erhob sich zum Adlerfluge, aus dessen Höhen er das Sandkörnchen auf der Erde wahrnahm, und er hob es empor, gab ihm eine Seele und machte es so weise reden, wie nur die Dinge reden können, wenn ihnen der Weise seine Zunge verleiht. Alle Wesen und alle Dinge sprachen zu ihm, und was sie kündeten, offenbarte er uns in seinen unvergänglichen Gleichnissen (Der Tag, 30. März 1932, 2; Ausländer 1985, 104)

Am 10. April erscheint das nun berühmt gewordene, Eliezer Steinberg gewidmete Gedicht von Rose Ausländer, in dem es hieß:

Es starb ein Schöpfer, und die Dinge sind,

was sie vor ihm gewesen: Dinge.

Ein Vater starb, es starb ein Kind.

Es trauern die verwaisten Schmetterlinge.

 

Gott schuf die Welt. Er hat sie uns gegeben

Als einen „Acker roh und unbestellt.

Da kam der Dichter und erschuf das Leben,

Und nun erst sahn und fühlten wir die Welt.

[….]

Der Dichter starb, der Stein ward wieder Stein.

Sein Auge brach – wir wurden wieder blind.

Die Dinge schließen sich – wir sind allein.

Ein Schöpfer starb! Es starb ein Kind! (ebd.)

Drei Jahre später erinnert Hirsch Segal an zwei bedeutende Merkmale der schöpferischen Leistung Steinbergs: „Hier in Steinbergs Dichtung offenbart sich die jiddische Sprache wieder einmal in ihrer Urwüchsigkeit und Volkstümlichkeit …“ (Segal 1935, 2).

Helios Hecht weist auch auf den „Bänkelsänger und Spaßmacher“ Schamschen Först (Der Tag, 8. Mai 1932, 6), doch wichtiger sind von nun an verschiedene Texte von Rose Ausländer, insbesondere Gedichte aus dem 1927 entstandenen Zyklus „New York“, der während ihres ersten amerikanischen Aufenthalts niedergeschrieben worden war[18]. Weitere Gedichte („Gewitter“, ebd. 2. Juli 1932, 2), „Herbst I, II“, 23. Oktober 1932, 3)[19] sowie der Bericht über die 1920 von Elieser Steinberg gegründete „Kinder-Ferienkolonie Bijenca“ (10. August 1932, 3) nebst Übersetzungen von Gedichten Itzik Mangers zeugen von einer regen Mitarbeit der sonst eher sich zurückhaltenden Dichterin an dieser Zeitung.

Unter der Überschrift „Moderne Lyrik“ veröffentlicht Rose Ausländer ihre Übersetzung des jiddisch dichtenden Itzichok (Itzik) Manger: „Folg mir nicht nach, mein Bruder,/ Ich bin des Wegs ins Leere,/ das blonde Sonnensinken …“ (17. Juli 1932, 3). Über die bekannten Balladen des jiddisch Dichtenden und dessen Balladenverständnis schrieb derselbe unermüdliche, nun mit Rose Ausländer liierte Helios Hecht einen Bericht vom 9. November (Hecht 1932, 2). Noch einen Text Mangers übersetzt Rose Ausländer: „Die Ballade vom Kränzlein Sterne“ („Ich will euch heute singen/ das Lied vom traurigen Glück/ das wie ein wilder Vogel/ nur einmal vorüberfliegt …“, Der Tag, 24. Dezember 1933, 9).

Mit dem Gedicht „Der Arme und die Christenheit“ (ebd. 25. Dezember 1932, 4) beginnt Ende 1932 die Mitarbeit eines weiteren Dichters am Tag, der später bekannt werden sollte: Alfred Kittners. Es folgen das Gedicht „Einsames Nachtlied“ („Oh, in der fernsten Ferne …“, 21. April 1933, 3), ein Bericht über die Ausstellung des Bukowinischen Malers Georg Baron Löwendal[20], die Gedichte „Erwachen aus nächtlicher Arbeit“ („Du schenkst mir, Lampe, dein armselig Licht/ für mein schweres nichtiges Tun …“, 7. Jänner 1934, 3), „Volkslied“ („Aus dem Fenster schwingt leis/ eine Dienstbotenweis …“, 8. April 1934, 4), „Mond der Städte“ („Im Tanz der Mitternächte/ schwebt er im Silberglast …“, 8. Dezember 1934, 5), „Johannes der Täufer“ („Im här’nen Kittel wandre ich die Pfade/ des Kommenden …“, 25. Dezember 1934, 7) und „Silvester“ („Es löschen die Lampen wie Seelen aus …“, 6. Jänner 1935, 3). Hinzu kommen eine Übersetzung aus dem Russischen („Tote Liebe“ von Alexander Bunin, dem Nobelpreisträger des Jahres 1934, 3. Februar 1934, 5), ein Feuilleton-Beitrag („Kleiner Zigeuner“, ebd. 14. Jänner 1934, 2) sowie zwei der literaturgeschichtlich und -theoretisch bedeutende Stellungnahmen zu den Gedichten zweier seiner zeitgenössischen Dichterkollegen: „Später Dank für ein Buch. Die Gedichte Alfred Sperbers“ (ebd. 13. Jänner 1935, 5) und „Ein Bukowinaer Lyriker. ‚Gedichte’ von Georg Drozdowski“ (ebd. 3. Februar 1935, 6).

Von den in den Spalten des Tag veröffentlichten Bukowinischen Autoren verdient eine äußerst selten publizierende Gestalt Erwähnung, nämlich die von Siegfried Laufer. Seine vorher im Wiener Tag erschienene Erzählung „Barta“ veranlaßt die Herausgeber zu dem biographischen Hinweis, Laufer sei am 17. Juni 1933 „in Bucureşti freiwillig aus dem Leben geschieden“, obwohl der „hochbegabte Czernowitzer Dichter“ „noch nicht 25 Jahre alt“ geworden sei (ebd. 17. Juni 1934, 4–5). Zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlich das Blatt ein kleines Prosastück („Nachsommer“), das Gedicht „Herbstliches Herz“ und das letzte Gedicht Laufers „Geflüster“ (16. Juni 1935, 7), das hier angeführt sei:

Nur noch vereinzelte Lichter

grüßen mit mattem Glanz.

Um die blauen Gesichter

des Himmels schickt die Nacht ihren dunklen Kranz

Die Berge sind fortgeflogen

wie Wolken, sterbender Mond.

Es hat der große Bogen

der Welt keinen Horizont.

Manchmal noch leise im Wind

erzittert ein Baum.

Leise umspinnt

uns die Nacht mit ihrem Traum.

Sporadisch sind auch Franz Porubsky mit dem „Wandelnden Gasthaus-Kaleidoskop“ (ebd. 26. August 1934, 4–5) sowie durch einen Bericht über seinen Selbstmord[21], Georg Drozdowski, Alfred Margul-Sperber und Moses Rosenkranz – alle drei mit Gedichten unter der Überschrift „Zum Muttertag. Drei Gedichte Bukowinaer Lyriker“ – vertreten (11. Mai 1935, 2).[22]

Die Tradition des Wiener Feuilletons, die in den anderen Tageszeitungen der Bukowina in einem bei weitem umfangreicheren Maße beherbergt wurde, ist im Tag bloß durch einige Beiträge von Roda-Roda: „Der Dichter. Nach Michael Gosti“ (19. Februar 1933, 5), „Der Löwe ist los“ (27. Juni 1933, 2) und „Die Behörde. Schwänke von Roda-Roda“ (25. Mai 1935) sowie durch einen Beitrag von Viktor Wittner: „Bartbericht“ (14. Mai 1932, 2) präsent.“

Der Mehrsprachigkeit und Pluriethinizität der Region Bukowina (siehe Guţu, 1999) trägt der Tag auch in einem bemerkenswerten Umfange Rechnung. So erscheint in diesem Blatt neben Trivial- und Konsumliteratur wie den Fortsetzungsromanen „3 Männer und 1 Frau. Ein Abenteuerroman zwischen Paris und Bukarest“ von Henry Bordeaux und Fritz Bondy (15.–16.3. bis 16.4.1932) „Stiller Teilhaber wird gesucht“ von Edgar Wallace (17.4.1932), „Der Storchkalif“ von Michael Babits (ab 23. April 1933), „Die Romana“ von Jakob Wassermann (ab 29. Dezember 1933) etc. auch der hervorragende Roman des rumänischen Schriftstellers Liviu Rebreanu „Der Wald der Gehängten“. In einer Vor­besprechung wird darauf hingewiesen, daß es zum ersten Male sei, „daß ein deutsches Blatt in Rumänien den Roman eines rumänischen Dichters publiziert“ (29. April 1932, 2). Für die Übersetzung zeichnete Dumitru Carabăţ verantwortlich. Begleitet wird die Übersetzung von einer Erläuterung des Universitätsprofessors Dragoş Protopopescu.[23] Interessanterweise erschien in der gleichen Nummer auch ein Text („Dort spiegelten sich die Sterne“) der ukrainischen Dichterin Olga Kobylanska (Übersetzung aus dem Ukrainischen von O. Huzar, S. 2–3). Gelegentlich wird auf die rumänische und polnische Lyrik ausführlicher hingewiesen.[24] Eine ausführliche Präsentation des rumänischen literarischen Schaffens im gesamten Jahr 1933 nimmt A. K. (Alfred Kittner?!) vor (vgl. K[ittner] 1934, 6). Beim Ableben des rumänischen Literaturkritikers Paul Zarifopol vermerkt das Blatt:

Er war ein Verfechter der klaren Gedanklichkeit, ein subtiler Ironiker voll kaustischen Witzes und einer Skeptik, die ihm als einen Nachfahren Montaignes erscheinen ließ. Seine Studien hatte er in Deutschland, namentlich in Halle gemacht; bis zum Weltkrieg hatte er in Deutschland gelebt.[25]

Zum Jubiläum der deutschfreundlichen Kulturgesellschaft „Junimea literară“ (Die literarische Jugend) veröffentlicht das Blatt den Beitrag des Ministers für Minderheitenfragen Ion Nistor (Der Tag, 18. Mai 1934, 3). Schließlich ist auch der besonders ausführliche Beitrag zum Werk des bekannten rumänischen Fokloristen Simion Florea Marian hervorzuheben.[26]

Auf die deutsche und österreichische Literatur wird recht oft hingewiesen, wobei nicht nur kurze Texte, sondern Präsentationen oder Ankündigungen Eingang finden. Nach der üppigen Goethe-Begeisterung im März 1932 wird dieser Autor kaum noch erwähnt, dafür finden wir Texte folgender Autoren: Hermann Hesse („Studie in einem Speisesaal“, 23. Ok­tober 1932, 3; „Jahresende“, Gedicht, 30. Dezember 1934, 6), Heinrich Mann („Tod und Leben“, 25. Dezember 1932, 6; „Haß“, 29. Dezember 1933, 2; „Die Hochzeit“, 18. April 1935, 2), Arnold Zweig (Ankündigung des Buchs zur Bilanz der deutschen Judenheit, 21. März 1934, 2), Lion Feuchtwanger („Herrn Hansickes Wiedergeburt“, 15. Juli 1934, 3), Günter Weißenborn („Die Schlange von Santa Sabina“, 31. März 1935, 4) oder Hugo von Hofmannsthal („Der Tisch mit den Büchern“, 19. Mai 1935, 2).[27] Aus der Weltliteratur finden folgende Autoren Beachtung: Karel Čapek („Bücher und Leser“, 28. Mai 1933, 9), Jaroslav Hašek („Die Weihnachtsbescherung“, 16. Dezember 1934, 4–5; „Warum Professor Kessler verrückt wurde“, 10. März 1935, 4; „Das Preisausschreiben“, 9. Juni 1935, 4–5), Knut Hamsun („Das Saufen im Walde“, Gedicht, 5. August 1934, 9),[28] Luigi Pirandello (Nobelpreisträger 1934: „Welt der Bücher“, 8. Dezember 1934, 4–5), Guy de Maupassant („Weihnachtsnacht“, 25. Dezember 1934, 11–12), Anton Tschechow („Aus dem Tagebuch eines jungen Mädchens“, 1. Jänner 1935, 2; „Das Söhnchen“ 26. Mai 1935, 5–6).

In einem substanziellen Beitrag über Drozdowski führte der Jassyer Germanist Sorin Chiţanu bezüglich der „Hinwendung zu den feuilleto­nistischen Gattungen“ in der Bukowina aus:

Alle wurden in Czernowitzer Publikationen veröffentlicht, entweder auf der Unterhaltungsseite oder ‚unter dem Strich’. […] D(as) Interesse an diesen Formen ist auf […] den Einfluß der Wiener Tagespresse zu­rück­zuführen, die bekanntlich das Czernowitzer Zeitungswesen prägte. (Chiţanu 1992, 411.)

Zum Feuilletonismus der 30er Jahre äußerte sich – allerdings unter starkem Einfluß zeitgebundener NS-Doktrination – Wilmont Haacke in sei­nem Beitrag „Das Wiener jüdische Feuilleton“ (Haacke 1940, 2051–2071), doch die doktrinindifferente, wissenschaftlich begründete Defini­tion eines Periodikums stammt von Ernst Herbert Lehmann:

Eine Zeitschrift ist ein regelmäßig erscheinendes Druckwerk, das – mit der Absicht der unbegrenzten Dauer begründet – in seinem überwiegenden Teil nicht an die Geschehnisse des Tages gebunden ist oder nur die neuesten Ereignisse eines Fachgebietes berücksichtigt. Die Einzelstücke sind inhaltlich und drucktechnisch mannigfaltig, doch zeigen sie – ebenso wie ihre dauernd fortlaufende Reihe – eine durch geschlossene geistige Führung bewirkte innere und äußere Einheit. Zeitschriften dienen meistens nur begrenzten Aufgabengebieten; die Weite ihrer Öffentlichkeit ist daher verschiedenartig. Sie entsprechen in ihrer Gestaltung den Bedürfnissen eines oft weit verstreuten Leserkreises und sind deshalb nur lose an ihren Erscheinungsort gebunden (Lehmann 1936, 81).

In der Bukowina, in der die Zahl der Zeitschriften geringer war (Hackl, Wolfgang/Krolop, Kurt 2001, 7), übernahmen interessanterweise Zeitungen deren oben angeführten Aufgabenstellungen und Funktionen – insbesondere durch die wöchentlich veröffentlichten Kulturbeiträge in der „Feuilleton“ genannten Spalte. Als wirksame Form von Massen- und Individualkommunikation sowie von historischer Reflexion können solche Publikationen auch literarische Prozesse sowie die Kulturgeschichte einer Region oder der Peripherie dokumentieren und daher ermöglicht ihre Erforschung wichtige Beiträge zur nationalen oder regionalen Literaturgeschichte oder der Geschichte der Literatur von Sprachen oder Minderheiten – nicht zuletzt auch zur Erforschung der zeitbedingten Sprachentwicklung, – weil sich gerade in einer Spezial­publikation wegen ihres thematischen Schwerpunktes und der damit forcierten Publikumsbindung interessante Sprachprozesse manifestieren (vgl. ebd., 8).

Kritik und Ironie, Sarkasmus und Rücksichtslosigkeit beherrschen in der Regel die meisten Positionierungen in den feuilletonistischen Spalten Czernowitzer Zeitungen. So finden wir im Jahre 1932 in der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung ein politisches Sonetttryptichon Georg Drozdowskis unter dem Titel „Genfer Komödie“, die die Passivität der Genfer Abrüstungskonferenz des Völkerbundes gegenüber kriegerischen Handlungen in anderen Teilen der Welt kritisiert. Polemische Akzente setzt Drozdowski vor allem am 3. und 17. Jänner 1933, als sich in den deutschsprachigen Blättern der Bukowina ein „Sprachkampf“ entfachte. Auch wenn er aufgrund der recht heftigen Polemik mit dem Kolumnisten des Czernowitzer Tag in diesem Blatt lange nichts veröffentlichte, brachte diese Publikation 1935 die Besprechung seines Bandes „Gedichte“, für die Alfred Kittner verantwortlich zeichnete (vgl. Kittner 1935, 6) – ob dies mit dem Wechsel der Führung des Tag zu tun hatte (vgl. Schärf 1935, 4), ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht von Belang. Einige Monate später ist Drozdowski im Tag sogar mit einem Gedicht, „Mutter“, vertreten.

 

5. Sprachkampf und Soziabilität

Daraus ergibt sich, daß Drozdowki in der Bukowinischen Tagespresse mit – oft satirischen, kritischen – Stellungnahmen zu Fragen der Zeit periodisch präsent ist. Diese Periodizität gewährleistet die gemeinschaftsbildende Wirkung, jene „Soziabilität“ (vgl. Haacke 1961, 222–223), die somit die Verbindung zwischen der zeitereignis-gebundeneren Zeitung und der etwas zeit-entfernteren Zeitschrift herstellt – wie Wilmont Hacke es einmal formulierte: „Jede Zeitung und jede Zeitschrift verfügt über eine intensive gesellschaftsbildende, ja gemeinschaftsfördernde Kraft“ (ebd.).

Drozdowskis Streitwiderpart in dem erwähnten, in der von uns untersuchten Tageszeitung ausgetragenen Sprachkampf stellt sich ihn als „Schriftsteller und Schauspieler“ vor und führt dabei aus: er wolle Georg Drozdowski „einen von ihm sehnlichst geäußerten Wunsch erfüllen: ihn in den Spalten des ‚Tag’ erscheinen zu lassen. Daß es nicht in der von ihm gedachten Form geschehen kann, ist wahrlich nicht mein Verschulden.“ Er erscheine nämlich bloß als Subjekt in der öffentlich geführten Auseinandersetzung. Um die Pflege der deutschen Sprache an der Peripherie des ehemaligen deutschsprachigen österreichischen Einflußgebietes ging es in diesem journalistischen Streit. Und immer wieder fällt in der Auseinandersetzung der Name eines Vorbilds für den Czernowitzer Feuilletonismus – Karl Kraus. Die Debatte selbst wiederum wurde am 3. Jänner 1933 durch Georg Drozdowski ausgelöst:

Vor ein paar Tagen hat H. G. im ‚Tag’ wieder einmal die Feststellung gemacht, es sei in den Czernowitzer Blättern schlimm um die deutsche Sprache bestellt. Obwohl d i e s seit Jahren keine Neuigkeit ist und ich diese Tatsache schon konstatierte, als H. G. noch nicht vom Ehrgeiz besesssen war, für den Karl Kraus der Bukowina genommen zu werden, muß ich ihm dennoch für die Fürsorge danken, mit der er nach der Sprache der Zeitungen sieht, auch wenn d i e s, wie ich leider konstatieren muß, weniger aus Empörung über die Vergewaltigung des Sprachgutes, als vielmehr im eifrigen Bestreben geschieht, der Konkurrenz eins auszuwischen und sie lächerlich zu machen (Czernowitzer Deutsche Tagespost, 3. Jänner 1933, 3).

Daraus ergibt sich deutlich der enge Zusammenhang von Sprachleistung und publizistischer Marktleistung, von kulturellen und wirtschaftlichen Interessen in der Bukowina. Worauf der Redakteur der in Czernowitz erscheinenden Tageszeitung Der Tag H. G., eigentlich Heinrich Goldmann, erwidert:

Es ist gewiß possierlich, zu sehen, wie sich der kleine Moritz Karl Kraus vorstellt. Anderseits ist es geradezu erschreckend, festzustellen, wieviele Bildungsprotzen es in Czernowitz gibt, die mutig, ohne zu zagen und zu zaudern, den Namen Kraus’ profanieren, ohne auch nur im entfernten jene Liebe zur Sprache zu hegen, die der sonderbare Kraus-Kenner gerade an mir vermißt: sie ‚leben nicht am Wort und sterben nicht an einer Silbe’, aber sie sind dreist genug, sich auf Kraus zu berufen, sobald es ihnen geboten erscheint. Herr G. D., der in jenem Salat – dem reichlich Kohl beigemengt ist – ein paar Proben zum ‚Besten’ gibt, bringt es allerdings nicht zuwege, auch nur eine kleine Auslese wirklicher Stilblüten, wie sie in unserer Presse täglich dutzendweise zu finden sind, zu bieten, er beschränkt sich – in der Beschränkung ist er zu Hause – auf einige geschmacklose Druckfehler der Tageszeitungen und wo er Stilblüten zu entdecken glaubt, ergibt sich, daß die beanstandeten Ausdrücke – richtig sind. Das nennt man Pech, aber ich kann ihm keine mildernden Umstände zubilligen, denn es hat den Sprachforscher G. D. niemand um die Preisgabe seiner Wissenschaft gebeten“ (Der Tag, 5. Jänner 1933, 2).

In die Polemik greift auch der ukrainische Abgeordnete im rumänischen Parlament, Dr. Vladimir Zalozieckyi, ein mit dem ironisch gemeinten Beitrag „‚Sprachreiniger’ in Czernowitz“ [u. zw., reiner Zufall!: am 15. Januar, dem Geburtstag des großen rumänischen Sprachmeisters Mihai Eminescu]. Zalozieckyi erinnert an einen Druckfehler, der sich in eine frühere Besprechung des Sonettenbandes des „Malerdichters“ Uriel Birnbaum „In Gottes Krieg“ eingeschlichen hatte: Anstatt „Leid“ habe in der Zeitung „Lei“ (rumänische Währungseinheit) gestanden: Je tiefer man in die Höllen von Blut und Erniedringung, also in den Krieg gerate, umso tiefer leide man, worauf die Feststellung folgte: „Und Leid ist gut.“ In der Zeitung stand dagegen: „Und Lei ist gut…“ Zalozieckyi fragt dann erheitert: „Wer würde auch über eine solche köstliche Bereicherung seines Birnbaumerlebnisses weinen? Das ist Czernowitz: Uriel hätt’ Valuta!“

Dies sei also Czernowitz, mit seiner deutschen Sprache, die „reich und stark wie die Düfte“ sei, „bunt und schillernd wie die Wellen“ des Klokuczkabachs. Gemeint sind hier eindeutig die Schlammdüfte des kleinen Czernowitzer Baches. Einige Absätze vorher hatte Zalozieckyi eine klare Sprache gesprochen. Unter Bezugnahme auf die Stellungnahme Drozdowskis vom 3. Jänner 1933 zugunsten einer gepflegteren deutschen Sprache in der ehemaligen Habsburgischen Provinz äußerte er seine Skepsis gegen eine derartige Sprachreinigungsaktion in jener Gegend: dies sei doch eine große Illusion:

Wo wollen Sie die Sprache reinigen? In Czernowitz? In Czernowitz, welches entstanden ist als Zöllneransiedlung an der Pruthfurt: Moldau – Halicz; Pelen – Siebenbürgen, welche Pruthfurt wieder entstanden ist durch die Schlammengen, die der Klokuczkabach gerade hier in den Pruth ablädt seit Jahrtausenden? Diese geodaetisch-hydrodynamische Tatsache formt die Landschaft, von der sich unsere Stadt, unsere Kultur, unsere Sprache, mit einem Wort unser Alles ableitet“ (Zalozieckyi 1933, 9).

Gereizt reagiert Heinrich Goldmann in einem sehr langen Beitrag „Der Klokuczkabach, der Njuch und die Guirlanden“. Seine Schlußfolgerung verweist auf die damals in der Presse weltweit geführte Auseinandersetzung, die infolge der Ereignisse ausgelöst wurde, die zu jenem Zeitpunkt – Anfang 1933 – in Deutschland im Gange waren und auch im Ausland die Gemüter erregten. Goldmann will dem ironischen Anschlag dieser öffentlich geführten Diskussion durch seine kategorische Schlußfolgerung ein Ende setzen:

Da staunt sogar der Fachmann und wundert sich der Laie, wie jener Karl Kraus sagt, als der ich in der Bukowina gelten will […] und es stellt sich heraus, daß das Ganze nur eine Guirlande war für das Unbekannte, nämlich das Rennen, nämlich das Pferd, und daß ich – wollte man jenen Satz in eine Gefängnisstrafe verwandeln – einen kostbaren Gegner lebenslänglich verlöre. Und daß der Fachmann, nach dem anfänglichen Staunen, darauf kommt, daß es dem sehr witzigen Autor also nicht so sehr um das Verblüffen, sondern mehr um das Bluffen zu tun war. Und nicht zuletzt auch um den Njuch, womit die Sache dort gelandet ist, wo Armin des Etruskers Nachfahre Adolf Hitler sie gerne haben möchte. Beim Juden saraku, man kann in dem Arier leider nur den Kulinarier sehen. Womit zwar ironia locuta, aber nicht die causa finita ist“ (Der Tag, 17. Jänner 1933, 2).

Drozdowski pariert: Da das Wort Etrusker bei Goldmann zweimal vorkomme, kann es sich nicht um einen Druckfehler handeln, sondern um einen Fehler des Verfassers, der Armin den Cherusker mit einem Etrusker verwechselt: „Da kann man nichts machen. Wenn ein Goldmann in den Teutoburger Wald geht, kann ihm höchstens ein Etrusker begegnen, da H. G. zwar Etymolog, nicht aber auch Historiker ist.“ Die Anspielung auf Adolf Hitler hatte Drozdowski als reine Einbildung zurückgewiesen: „Wenn er bei seinen Lesern den Eindruck zu erwecken wünscht, es gehe in unserem Falle um Jud oder nicht Jud, so ist das seine Privatmeinung […]“ (Czernowitzer Deutsche Tagespost, 19. Jänner 1933, 3).

Für die Kulturtätigkeit dieser Zeitspanne in Czernowitz und in der Bukowina ist die Verbindung zu Alfred Margul-Sperber und den anderen Bukowiner Dichtern von eminent wichtiger Bedeutung. Nicht von ungefähr können wir heutzutage mit einem gewissen Befremden folgendes feststellen: im Dezember 1934, gleich nach Erscheinen von Sperbers erstem Gedichtband „Gleichnisse der Landschaft“, gehört Drozdowski zu den ersten, die diesen Band besprechen (Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 30. Dezember 1934, 9f.); nach einer Besprechung des 1934 erschienenen ersten Gedichtbandes Drozdowskis durch F. Albrich in der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung (22. Februar 1935, 5) erschien eine zweite, die nun von Sperber selbst verfaßt wurde. Dies geschah im Februar 1935 in der Czernowitzer Morgenpost, also ebenfalls kurz nach Erscheinen des Bandes (Czernowitzer Morgenblatt, 24. Februar 1935, 9). Auf eine rege Zusammenarbeit weist auch das Vorhandensein von 11 Gedichten Drozdowskis im Bukarester Sperber-Nachlaß hin, von denen 10 in Drozdowskis Debütband Eingang gefunden haben.[29] Dies führte dazu, daß Sperber manchmal Gedichte von Drozdowski in den Blättern, an denen er arbeitete, veröffentliche – so „Schilfregen“ aus dem Debütband, das sich unter den im Nachlaß aufgefundenen Gedichten befindet und am 16. August 1936 zusammen mit Gedichten Sperbers und Kittners im Czernowitzer Tagblatt erschien. (15. August 1936, 8).[30]

 

6. Regionale literarische Umfelder

Als nichtjüdischer Dichter war Drozdowski in der von Alfred Kittner und Alfred Margul-Sperber geplanten Anthologie jüdischer Dichtung aus der Bukowina freilich nicht vertreten[31]. Gedichte von ihm gibt es jedoch schon 1932 in den „Buchenblättern“[32] sowie in Alfred Klugs Bukowiner Anthologie, die in Deutschland erscheinen sollte (vgl. Klug 1939, 111; 112–123), sowie in einer später in der „Neuen Literatur“ erschienenen Anthologie Bukowiner Dichtung (Kittner 1971, 48–50).

Wenn man sich heute die nachgelassene Bibliothek Sperbers ansieht, dem viele der Neuerscheinungen mit Widmungen überreicht worden sind, so kann man die geistig-literarische Konstellation wiederherstellen, in der Drozdowskis erster Gedichtband erschien. Traditionalistisches und Modernistisches gehen dabei oft Hand in Hand: 1930 erschien „Leben in Versen“ von Moses Rosenkranz, 1932 das in Paris herausgegebene, in Rumänien stark beachtete Buch „What is surrealism“ von Peter Neagoe, den Sperber in New York kennengelernt hatte, 1933 Traian Chelarius „Exod“ (Exodus), 1934 Oskar Walter Cizeks „Die andere Stimme“ in Dresden und Sperbers „Gleichnisse der Landschaft“ in Cernăuţi, 1935 die siebenbürgische Anthologie „Herz der Heimat“, 1936 der zweite Goethesche Reminiszenzen aufweisende Band von Moses Rosenkranz „Gemalte Fensterscheiben“, Traian Chelarius „Aur vechi“ (Altes Gold) und Al. Robots „Somnul singurătăţii“ (Der Schlaf der Einsamkeit), 1937 Ion Pillats „Ţărm pierdut“ (Verlorenes Ufer), der Band „Gedichte“ von einem gewissen Scharpier in Suceava, der Band „Lider“ eines anderen Unbekannten namens H. Lejnik so­wie Vasile Voiculescus „Întrezăriri“ (Durchschimmerndes), 1938 schließ­lich Alfred Kittners „Der Wolkenreiter“ und Lucian Blagas „La curţile dorului“ (An den Höfen der Sehnsucht) – um nur einige Titel anzuführen, die in der Bukowina entstanden oder dort starke Beachtung gefunden haben.

Der dominierende Geist fast aller dieser – thematisch und qualitativ-poetisch sehr unterschiedlichen – Werke, ausgedrückt insbesondere durch einen unerschütterlichen Glauben an die heilende Kraft der unverfälschten, von der Zivilisation sehr oft in Mitleidenschaft gezogenen, nicht selten mythisierten oder gar idyllisch aufgefaßten Natur, ist jener der Toleranz und der gegenseitigen Verständigung als Antwort auf die Umtriebe des Ungeistes in jener immer finsterer werdenden Zeit. Georg von Drozdowski nannte den Mentoren dieses Geistes den „Lyriker der Bukowina“ (Drozdowski 1934) schlechthin – so in der Widmung in seinem Alfred Margul-Sperber geschenkten Gedichtband, der in der Bukarester Bibliothek Sperbers zu finden ist. Die Wurzeln dieses Geistes liegen im Denken und Tun dieses Mannes, der in tiefster provinzieller Bescheidenheit lebte, diese Provinz jedoch zum Ausstrahlungspunkt einer nun leider versunkenen geistigen Landschaft werden ließ. Bei der Sichtung des Bukarester Sperber-Nachlasses fanden wir einige Typoskript-Seiten mit der Überschrift „Zum Geleit“. Sie waren als Programm einer Publikation gedacht. Lange wußten wir nicht, um welche Publikation es sich gehandelt haben mag. Im Zuge von Recherchen im Hinblick auf einen Aufsatz zur literarischen Zirkulation in Rumänien der Zwischenkriegszeit sind wir auf jene Publikation gestoßen. Es handelt sich um den Bukowinaer Provinzboten. Unabhängige Wochenschrift, die in Storojineţi herausgegeben wurde. Die kurzlebige Wochenschrift – sie erschien vom 23. Oktober 1931 bis 27. März 1932 in 23 Nummern[33] – verrät in der ersten Nummer den Namen des Herausgebers nicht. Doch in dieser Nummer erscheint der von uns gefundene Text „Zum Geleit“ als Absichtserklärung der Herausgeber. Mit dem Heft 2 steht im Kopf der Publikation auch die Angabe: „Herausgeber Alfred Sperber“. In dieser Provinzpublikation stehen grundlegende Gedanken, die – wie gesagt – auch für Drozdowskis kulturvermittelnde Tätigkeit und poetisches Universum von entscheidender Bedeutung sein sollten. Darin hieß es:

Eine neue Erkenntnis drängt sich auf: Der Nationalismus, der den Haß und die Entfremdung zwischen den Völkern predigt, hat den Untergang unserer Zivilisation herbeigeführt. Die Lüge, der Schwindel und die Phrase von den Interessengegensätzen zwischen Völkern verschiedener Rasse, Sprache oder Religion haben die Welt an den Abgrund geführt. Heute erkennen wir, daß alle Völker in einer unauflöslichen Schicksalsgemeinschaft leben und auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind. Ein Volk kann seine heiligsten Güter wahren und mehren, ohne den Interessen seines Nachbarvolkes Einbuße zu tun. Die fruchtbarste nationale Politik ist ganz bestimmt diejenige, welche von der Respektierung fremder nationaler Güter ihren Ausgang nimmt.

Bei uns in der Bukowina, auf deren verhältnismäßig so kleinem Gebiete wie vielleicht nicht zum zweitenmal in Europa die verschiedensten Nationen nebeneinander wohnen, wird sich die Verwirklichung dieser neuen Erkenntnis fruchtbarer erweisen als anderswo. Dem Gedanken der Versöhnung und friedlichen Annäherung zu dienen, erweist sich hier geradezu als eine gebieterische Notwendigkeit.

Möge es nun von allen unseren Lesern ohne Unterschied der nationalen oder konfessionellen Zugehörigkeit wohlwollend gedeutet werden, wenn wir in der Schicksalsstunde der europäischen Zivilisation, die auch die Schicksalsstunde unseres Vaterlandes ist, unsere Wochenschrift im Zeichen der brüderlichen Eintracht zwischen den Völkern dieses Landes eröffnen.“[34]

Das Bild von Drozdowskis Frühschaffen ist weitgehend von den Meinungen Sperbers und Albrichs – in den genannten Besprechungen zum Band „Gedichte“ – sowie durch jene von Karl Kurt Klein geprägt. Letzterer meinte in seiner „Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland“: „In lyrischen Gedichten legt er Naturbildern voll Klang und Duft gern sinnliche und sinnbildliche Beziehungen unter. Der Heimatbezogenheit sind seine Landschaften völlig bar, Gott-Weltgefühl überwölbt eine zitternd bewegte innere Schau.“ (Klein 1939, 383).

Chiţanu hatte angeregt, dieses Bild durch neue Forschungserkenntnisse zu präzisieren und zu revidieren (Chiţanu 1992, 408), wobei er selbst durch seinen Aufsatz dahingehend gewirkt hat. Franz Lang wies auf Rilkesche (vgl. Lang 1961, 435f.)[35], Wiedemann-Wolf auf Goethesche und – in Anlehnung an Karl Kurt Klein – Hofmannsthalsche Einflüsse auf den frühen Drozdowski[36] (Wiedemann-Wolf 1985, 36-37) hin, denen Kittner – in Anlehnung an Sperber – auch jenen von Wildgans hinzufügte.

Im Sinne der interkulturellen Querverbindungen, die für die Bukowina jener Zeit – wie die eben zitierten programmatischen Zeilen Sperbers belegen – so typisch waren, sind auch die bereits erwähnten Besprechungen der im gleichen Jahr 1934 erschienenen Gedichtbände von Drozdowski und Sperber, die der eine über den jeweils anderen veröffentlichte. Im Dezember 1934 kommentierte Drozdowski wie folgt Sperbers Band:

… Die Gedichte sind von inniger Zartheit. Mag auch der gleiche Stoff des Öftern gestaltet werden, immer wieder stehen wir überrascht vor dem demütig Geschauten und erahnen die Unendlichkeit des Erlebnisses, das eine Wiese, eine Wolke, ein sinkender Abend, eine in Dämmerung verklingende Stunde dem Dichter zu sein vermag.

Der Schluß ist Ausdruck der totalen Wertschätzung Sperbers seitens des Rezensenten:

In dem Ringen der mannigfachen Talente, die unsere Heimat, die Bukowina, hervorgebracht hat, gebührt Sperber ein Ehrenplatz und unter den Lyrikern unseres Landes soll er, der tief und gläubig mit seinem Gotte ringt, an erster Stelle zu finden sein! (Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 30. Dezember 1934, 9f.).

Im Februar 1935 meldet sich Sperber zu Wort. Drozdowski sei bereits ein „repräsentativer Dichter und Schriftsteller unseres Landes“, der „auch im deutschen Westen zu Beachtung und Anerkennung“ gefunden habe. Seine Lyrik berge „das Reinste, Feinste, Reifste und Tiefste dessen, was uns Georg Drozdowski zu sagen hat.“ Der neue Band entwerfe „eine Welt der an­mutigsten Gebilde, zartesten Stimmungen und reifsten Gestaltungen in berückenden Tönen“. „Die lyrische Kunst Drozdowskis nimmt ihren Weg von der Form her; hier setzt sie ein und dringt erst mittelbar zum Geschauten, Erlebten und Gestalteten vor.“ Und die Reihe der oft alles und auch gar nichts sagenden Äußerungen schließt sich redundant: es seien das „Gedichte, welche im vollendetsten Einklang von glaubhaftem Erlebnis und reifer, künstlerischer und plastischer Form das Schönste gestalten, was uns ein echter Dichter zu sagen hat“ (Czernowitzer Morgenblatt, 24. Februar 1935, 9). Der Routinier Sperber beugte der Gefahr eines – durchaus möglichen – Einwandes gleich am Anfang seines Aufsatzes geschickt vor:

Ich bin in meinem Urteil über Georg Drozdowski befangen: hat er doch, mir schon seit Jahren herzlich verbunden, erst kürzlich vor der Öffentlichkeit in Besprechung meiner Gedichtpublikation Worte einfühlsamsten Verständnisses und edelsten Anteils gefunden. Dieser Umstand soll mich aber keineswegs daran hindern, meine aufrichtige Zustimmung zu einem Werke auszusprechen, das ich seit Jahren kenne und liebe, auf die Gefahr hin, den Anschein zu erwecken, als ob wir einander wie Troubadours artige Komplimente zurückreichten“ (Ebd.)

Den Eindruck haben wir heute allerdings in der Rückschau literaturgeschichtlicher und -theoretischer Entwicklungen um so deutlicher. Beide gehen über impressionistische, allgemein-gehaltene Floskeln nicht hinaus. Hier artikuliert sich – im besten Sinne des Wortes gemeint – jene Solidarität weit weg von den literarischen Macht- und Entscheidungszentren lebender Autoren, die ihre – vor allem sprachliche – Isoliertheit schmerzhaft empfanden. Symptomatisch ist Sperbers – ohne Frage auch „pro domo“ geäußerter – Wunsch zum Schluß seiner Besprechung, der Band möge „dazu beitragen, den Namen dieses Dichters im großen deutschen Westen bekannt und beliebt zu machen!“ (Hervorhebung G. G.; ebd.) Darin kommt der Wunsch der Vertreter einer Randliteratur – wie die der Bukowina nun einmal war – nach Anerkennung in den bedeutenden literarischen Zentren des Westens und somit nach Sprengung ihrer unerträglichen Isolation einprägsam zum Ausdruck, wie sich im übrigen auch Ernst Maria Flinker in einem mit Drozdowskis Besprechung fast gleichzeitig erschienenen Beitrag „Der Mensch und die Landschaft. Brief an den Dichter Alfred Sperber“ geäußert hatte: Sperber wolle sich mit seinen Werken „Zugang zu den literarischen Zentren des deutschen Sprachgebietes“ verschaffen (vgl. Flinker 1934).[37]

 

7. Übersetzung als interkulturelles Kraftfeld

Ein anderer Aspekt interkulturell konzipierter Aktivitäten ist derjenige der Übersetzungen, die – vor allem in einem bevölkerungsmäßig so bunt zusammengesetzten Gebiet wie der Bukowina – jene geistigen Kommunikationsbrücken zu schaffen vermögen, die Interferenzen signalisierten und zugleich weiter anregten. Die vielgepriesene Multikulturalität bleibt ein schönes Abstraktum, wenn man nicht konkret zeigt, wie der detaillierte Mechanismus mentalitätsgeprägter und -prägender Interferenzen überhaupt funktioniert. Noch mehr als Siebenbürgen oder das Banat war die Bukowina ein echter Schmelztiegel übersetzerischer Bemühungen. Das ist auch mit eine der Voraussetzungen für das ausgeprägte Sprachempfinden aller aus dieser Gegend stammenden Dichter, welcher ethnischen Herkunft auch immer. Auch diesen Aspekt meinte Paul Celan etwa, als er den berühmten Satz schrieb, er stamme aus einer „Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“ (Celan 1980, 133). Das war ja auch der Grund dafür, daß Drozdowski sich stets zu seiner geistigen Heimat bekannt hat: Paula Tiefenthaler schreibt dazu:

Er liebte alles ­an ihr: ihre Schönheit und ihre Schwächen, die Menschen, die Landschaft und den Charme des lokalen Idioms, einer einmaligen Mischung von Ausdrücken aus dem Deutschen, dem Jiddischen, Ukrainischen, Rumänischen und Polnischen, die jeder Czernowitzer verstand, gleich welchem Stand oder welcher Nationalität er angehörte (Tiefenthaler 1993, 38).

Gregor vor Rezzori hielt die Vorzüge einer solchen Vielfalt fest: er selbst sei ein „…Osteuropäer […], den, sehr zum Unterschied von manchem Unbelehrbaren, die tägliche Begegnung mit vielerlei Völkern und Kulturstilen vor jeglichem Provinzchauvinismus bewahrte: weil er sie als vielschichtiges Spiegelbild seiner selbst begriff“ (Zit. nach Bergel 1993, 59).

Ihrerseits stellt Helga Abret größere Zusammenhänge her: eine „Bestimmung seines Standortes innerhalb der deutschsprachigen Lyrik aus der Bukowina“ stehe noch aus;

in einem Vielvölkerland lebend, waren diese Schriftsteller in mehreren Sprachen und Kulturen zu Hause und verstanden sich als Vermittler. Sie haben aus den Nachbarliteraturen übersetzt, sich aber auch aus diesen Literaturen inspiriert, wobei wahrscheinlich die Einflüße aus der rumänischen Poesie am stärksten wirksam wurden (Helga Abret 1986, 17).

Sie belegt diese These durch sichtbare Einwirkungen der Blagaschen Lyrik auf Drozdowskis Werk, was nur infolge einer intensiven Beschäftigung mit der Lyrik des Rumänen geschehen konnte.

Einen Einblick in den Mechanismus geistig-kultureller Interferenzen wollen wir nachstehend anhand der Übersetzungstätigkeit von Georg Drozdowski gewinnen, die bereits in den 30er Jahren sehr rege war und Anerkennung gefunden hatte. Freilich beschränken wir uns auf die Übertragungen Drozdowskis aus der rumänischen Lyrik. In fast allen Beiträgen über diesen Dichter wird zwingend auch diese Tätigkeit erwähnt. Tiefenthaler führt dazu aus:

Daneben ist Drozdowski als Übersetzer polnischer und rumänischer Lyrik tätig geworden. Er gab die Auswahl von Lucian Blagas Gedichten ‚Gezeiten der Seele’ heraus sowie Werke von Vintilă Horia unter dem Titel ‚Dort brennen sogar die Sterne’ (Tiefenthaler 1993, 38).

Marianne Vinzent, selbst Bukowiner Lyrikerin, macht in diesem Zusammenhang die gleichen Angaben (vgl. Vincent 1979, 82). Rudolf Wagner erweitert den Kreis der übersetzten Autoren, wenn er – mit Blick auf gesamt­europäische Einigungsbestrebungen – schreibt:

Drozdowski spendet Freude und zeigt zugleich, wie in einer künftigen Europäischen Gemeinschaft das friedliche Zusammenleben der Völker Bestand haben könnte. Nichts kann dies mehr erhärten als die unter dem Titel ‚Die Gezeiten der Seele’ 1963 […] herausgegebene Auswahl von Drozdowskis Nachdichtungen der kosmischen Lyrik des siebenbürgisch-rumänischen Dichters Lucian Blaga.[38] Auch Gedichte Eminescus hat er übertragen (Wagner 1974, 86, Hervorhebung G. G.).

Chiţanu weist auch auf Übersetzungen aus Coşbuc, Arghezi, Voiculescu, Pillat hin. (Chiţanu 1992, 532) Wir selbst konnten noch ermitteln – leider waren in Bukarest eine Reihe von Anthologien nicht aufzutreiben –, daß Drozdowski für die Anthologie auch Gedichte von Constantin Virgil Gheorghiu und George Bacovia übersetzte (vgl. Steinbrinker 1962, 14, 63, 189).[39]

Bereits in den 30er Jahren bekundete Drozdowski nicht nur sein Interesse für die Übersetzung rumänischer Gedichte, sondern auch seine Bewandtheit in theoretischen Aspekten des Übersetzungsvorgangs. Aus Anlaß der Verleihung des Hamangiu-Preises der Rumänischen Akademie an Konrad Richter in Anerkennung seiner Bemühungen um die Übersetzung von Gedichten Eminescus, vergleicht Drozdowski diese Übersetzungen mit jenen von Maximilian W. Schroff und mit den „eigenen früheren Versuchen“ und kommt dabei auf den Spruch eines Burgtheaterdirektors, der gesagt haben soll: „Je preiser ein Stück gekrönt wird, umso durcher fällt es!“ (Deutsche Tagespost, 15. Juni 1939, 3). Die sprachlichen Spitzfindigkeiten und Experimente, die später im Schaffen dieses Bukowiner Dichters einen vordergründigen Platz einnehmen, dürften gewiß auch an diesem bitter-ironischen Spruch mit Anstoß genommen haben. Damit war seine Betroffenheit über das Mißlingen Richterscher Versuche deutlich geäußert, wobei er eigene theoretische Überlegungen zu entwickeln bestrebt ist. Eine Übersetzung müsse „dem Dichter und seinem Originale ebenbürtig und geistesverwandt“ sein (ebd.). Drozdowski schreibt dann weiter:

Fleiß und Ausdauer sind neben rein technischem Können, lyrischer Begabung und Vertrautheit mit der Sprache des Originals die Voraussetzungen für den Erfolg. Man muß das Opfer bringen können, um eines Reimes willen einen Tag, um einer Strophe willen eine Woche hinzugeben, will man im Geiste des Dichters, in seiner Stimmung und in seiner Form bleiben.

Manchmal übertrifft die Nachdichtung das Original, meint Drozdowski: sie sei somit „nicht mehr die sprachliche Parallele des Originals von X oder Y, sondern die Eigendichtung des Dichters Z“, und führt Rilkes Übersetzungen als Beispiel an. Im Falle der Übersetzung alle Parameter einzuhalten, scheint ihm „ein Ding der Unmöglichkeit“ zu sein. „Mit voller Erkenntnis der ungeheueren Schwierigkeiten“ untersucht er konkret die Übersetzung des Gedichtes „Somnoroase păsărele“ von Eminescu durch Konrad Richter, Schroff und sich selbst. Das Fazit: „Eines steht fest – den Hamangiu-Preis haben wir alle drei nicht verdient!“ Dies aber reizt ihn dazu, „es besser zu machen und in aller Ehrfurcht vor der Größe des Dichters an eine Arbeit /zu/ gehen, die zu bewältigen nur schwer gelingen dürfte.“ (ebd.). Und um zu beweisen, daß er es damit ernst meinte, veröffentlichte er drei Eminescu-Gedichte in seiner Übersetzung in derselben Ausgabe der Allgemeinen Deutschen Tagespost.[40] Damit belegte er konkret seine interkulturelle journalistische Tätigkeit.

Man könnte freilich vertiefte Analysen anstellen, um zu besonders interessanten Schlußfolgerungen zu gelangen (vgl. dazu Guţu 1996, 66–85). Dem deutschsprachigen Leser vermittelte Georg Drozdowski den Zugang zur poetischen Erlebniswelt mehrerer rumänischen Dichter: Mihai Eminescu, George Coşbuc, Tudor Arghezi, Vasile Voiculescu, Ion Pillat, Vintilă Horia, Constantin Virgil Gheorghiu, George Bacovia.

Es geht jedoch aus all dem bisher über einigen konkreten übersetzerischen Leistungen Drozdowskis Gesagten hervor, daß seine gesamte menschliche und poetische Tätigkeit als die eines Dichters zwischen mehreren Sprachen und Kulturen galt und darauf hinauslief, um nach Maßgabe seiner Kräfte jenem Geist zu entsprechen, den Sperber in der Ankündigung seiner neuen Bukowiner Zeitung beschworen hatte: „Dem Gedanken der Versöhnung und friedlichen Annäherung zu dienen.“

Es ist uns heute eine ehrende Verpflichtung, die immerwährende Aktualität der von den bukowinischen Publikationen, Tageszeitungen und Zeitschriften, gerade in den trüben 30er Jahren praktizierten und geförderten interkulturellen geistigen Dialog sowie ihre völkerannähernde Strategie hervorzuheben und entsprechend zu würdigen.

 Literaturverzeichnis:

  1. Abret, Helga, (1986): Seiltänzer über den Abgrund. Zu Georg Drozdowskis Lyrik. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 1, 1986, 10-14

  2. Ausländer, Rose (1985): Die Erde war ein atlasweißes Feld. Gedichte 1927–1956. Frankfurt/M.

  3. Bergel, Hans (1993): Gregor von Rezzoris autobiographische Studien „Blumen im Schnee“. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 1, 1993, 56-59.

  4. Celan, Paul (1968): Ausgewählte Gedichte. Nachwort von Beda Allemann. Frankfurt/M.

  5. Celan, Paul (1980): Ausgewählte Gedichte. Zwei Reden. Frankfurt/M.

  6. Chiţanu, Sorin (1992): Georg Drozdowski, in: Die rumäniendeutsche Literatur in den Jahren 1918-1944. Redigiert v. Joachim Wittstock u. Stefan Sienerth, Bukarest, 407-424.

  7. Corbea-Hoişie, Andrei (1998): Jüdisches Städtebild. Czernowitz. Frankfurt/M.

  8. Corbea-Hoişie, Andrei (2003): Ein Literaturstreit in Czernowitz (1939-1940). In: Études Germaniques, 58, 2003, 363-378.

  9. Drozdowski, Georg (1934): Alfred Sperber, dem Lyriker der Bukowina in aufrichtiger Bewunderung, Georg Drozdowski 1934. In: Georg Drozdowski: Gedichte, Druck I. Cernăuţi, MLR 4811.

  10. Flinker, Ernst Maria (1934): Der Mensch und die Landschaft. Brief an den Dichter Alfred Sperber. In: Czernowitzer Morgenblatt, 29. Dezember 1934.

  11. Flinker, Robert Maria (1933): „1 Jahr ‚Der Tag’“. In: Der Tag, 12. März 1933, 5.

  12. Guţu, George (1992): Im Trubel der Geschichte – Heinrich Zillichs Briefe an Alfred Margul-Sperber. In: Anton Schwob (Hrsg.): Die deutsche Literaturgeschichte Ostmittel- und Südosteuropas von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Forschungsschwerpunkte und Defizite. München, 206–215.

  13. Guţu, George (1996): Literarische Zirkulation. Überlegungen zur rekursiven Variabilität von Konstanten. In: Heinrich Stiehler (Hrsg.): Literarische Mehrsprachigkeit. Iaşi/Konstanz, 66–85.

  14. Guţu, George (1997): „Die Buche“ – zur Geschichte einer Anthologie. In: Peter Motzan/Stefan Sienerth (Hrsg.): Die deutschen Regionalliteraturen in Rumänien (1918–1944). Positionsbestimmungen, Forschungswege, Fallstudien. Internationale Tagung – III. Kongreß der rumänischen Germanisten. Neptun/ Schwarzmeerküste. München, 149–175.

  15. Guţu, George (1999): Übersetzen als Brückenschlagen. Vielvölkerland Bukowina und seine Mehrsprachigkeit. In: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 1999, H. 1-2 (15-16), 377-401.

  16. Haacke, Wilmont (1940): Das Wiener jüdische Feuilleton. In: Walther Heide (Hrsg.): Handbuch der Zeitungswissenschaft. Bd. 2. Berlin, 2051–2071.

  17. Haacke, Wilmont (1961): Die Zeitschrift – Schrift der Zeit. Essen, 222–223.

  18. Hackl, Wolfgang/Krolop, Kurt (2001): Wortverbunden – zeitbedingt. Perspektiven der Zeitschriftenforschung. Innsbruck, Wien, München, Bozen.

  19. Hecht, Helios (1932): „Itzik Manger. Vortrag über das Wesen der Ballade“. In: Der Tag, 26. Oktober 1932, 2.

  20. K[ittner], A[lfred] (1934): „Ein Jahr rumänische Literatur. Literarische Jahresschau 1933“. In: Der Tag, 21. Jänner 1934, 6.

  21. Kittner, Alfred (1935): Ein Bukowinaer Lyriker. „Gedichte“ von Georg Drozdowski. In: Der Tag, 3. Februar 1935, 6.

  22. Kittner, Alfred (Hrsg.) (1971): Gedichte aus der Bukowina. Verhallter Stimmen Chor. In: Neue Literatur, 11, 1971, 48–50.

  23. Klein, Karl K. (1939): Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland. Leipzig.

  24. Klug, Alfred (1932): „Goethe“. In: Der Tag, 22. März 1932, 1.

  25. Klug, Alfred (1939): Buchenland. Deutsches Dichterbuch. Stuttgart.

  26. Lang, Franz (1961): Sprache und Literatur der Deutschen in der Bukowina. In: Franz Lang (Hrsg.): Buchenland. Hundertfünfzig Jahre Deutschtum in der Bukowina. München, 434-439.

  27. Lehmann, Ernst Herbert (1936): Einführung in die Zeitschriftenkunde. Leipzig.

  28. Hartmut Merkt (1999): Poesie in der Isolation. Deutschsprachige jüdische Dichter in Enklave und Exil am Beispiel von Bukowiner Autoren seit dem 19. Jahrhundert. Zu Gedichten von Rose Ausländer, Paul Celan und Immanuel Weissglas. Wiesbaden.

  29. Schärf, Max (1935): Abrechnung mit Arnold Schwarz. Zerstörung einer Legende. In: Der Tag, 16. Juli 1935, 4.

  30. Segal, Hirsch (1935): „Zu E. Steinbergs drittem Todestag“. In: Der Tag, 14. April 1935, 2.

  31. Steinbrinker, Günther (Hrsg.) (1962): Panorama moderner Lyrik. Gedichte des 20. Jahrhunderts in Übersetzungen. Gütersloh.

  32. Tiefenthaler, Paula (1993): Georg von Drozdowski – ein Heimatdichter? In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 1, 1993, 38-41.

  33. Vincent, Marianne (1979): Georg von Drozdowski zum 80. Geburtstag. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 2, 1979, 80-84.

  34. Wagner, Rudolf (1974): Drei Jubiläumsgeburtstage Buchenländer Künstler. Laske, von Drozdowski und von Rezzori. In: Südostdeutsche Vierteljahresblät­ter, 2, 1974, 84-86.

  35. Wiedemann-Wolf, Barbara (1985): Antschel Paul - Paul Celan. Studien zum Frühwerk, Tübingen.

  36. Winkler, Markus (2002): Czernowitzer Pressebestände aus der Zwischenkriegszeit (1918–1940). Ein multinationales Projekt. In: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens. (Jg. 11–12, 21–22/23–24/2002–2003). Bukarest, 104–110.

  37. Zalozieckyi, Vladimir (1933): „Sprachreiniger“ in Czernowitz. In: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 15. Jänner 1933, 9.


[1]     Hier nur einige weniger bekannte Publikationen: Czernowiecka Gazeta Polska (1928–1930); Czernowiecki Kalendarz Domavy (1927); Bucovina. Gazetă românească pentru politică, religie şi literatură / Rumänische Zeitung für Politik, Kirche und Literatur (1848–1850); Bucovina. Ziarul românilor bucovineni (1919–1920); Bucovina. Ziar de afirmare românească (1941–1944); Bucovina literară. Supliment săptămânal (1942–1944); Ţara Bugului. Revistă de literatură şi artă dintre Nistru şi Bug. Odesa 1942–1943; Ţara Fagilor. Revistă de literatură şi folklor cu apariţie lunară, Soloneţ-Suceava (1931–1932).

[2]     Genau das Gegenteil geschah nach der Lösung der Bukowina von Galizien nach 1848: "In einem neunmal kleineren Land als Galizien wurde Czernowitz von einer  peripheren Ortschaft zweiten Rangs Zentrum eines Kronlandes"; dies "schuf neue soziale und ethische Verhältnisse, deren wichtigste Folge für die jüdische Bevölkerung des neuentstandenen 'Herzogtums' ihre kulturelle Absonderung von den galizischen Massen wurde." (Corbea-Hoişie, 13)

[3]     Zur Erforschung dieser vielfältigen deutschsprachigen Presselandschaft hat sich eine (offene) Gruppe von Forschern unter der Leitung von Susanne Marten-Finnis von der Abteilung „German Studies“ an der Queen’s University Belfast konstituiert. (Siehe dazu Winkler 2002, 104–110). Da es sich dabei um ein „multinationales Projekt“ handelt, wäre anzunehmen, daß darunter nicht nur die Zusammensetzung der Forschungsgruppe, sondern auch die Forschungsinhalte gemeint sind, so daß aus Gründen der Objektivität auch die sehr differenzierte und aussagestarke ukrainisch- und rumänischsprachige Presselandschaft irgendwann die Aufmerksamkeit dieser und anderer Forscher verdienen sollte, um auch in der Tat die vielbeschworenene Multikulturalität und Mehrsprachigkeit der Bukowina zu belegen. Solange dies nicht geschieht, bleiben diese zwei bedeutenden Bereiche der Bukowinischen Presselandschaft (ebenso wie ihrer Literatur) nur eine exotische, weil weitgehend in deutschsprachigen Abhandlungen unbekannte zur kulturell-literarischen Zweitrangigkeit verurteilten Kulisse – was ihrer stellenweise sogar avantgardistisch-führenden Rolle schroff widerspricht. Dieser sich mit den Federn der Multikulturalität und Transnationalität bloß nach außen hin schmückende Trend bietet im Endeffekt mindestens kurzsichtig und monokulturell wirkende Forschungsergebnisse.

[4]     Die relativ geringe Auflagenstärke des Blattes erwies sich allerdings als dieser hochgesteckten Absicht bei weitem nicht dienlich.

[5]    Die These von der beihnah absoluten Autarchie bukowinischer deutschsprachiger Eigenspezifizität in kulturellen Belangen ist irreführend und widerspricht den interreferentiell einander bedingenden und sich motivisch, bildlich und thematisch weitgehend überlappenden kulturellen Kraftfeldern in allen traditionell rumänischen Gebieten. Sie entzieht sich somit den Boden der Multi- und Interkulturalität unter den eigenen Füßen und leistet den im Umfeld eines derartig schmalen Rückgrats untersuchten Autoren und Kulturphänomenen keinen guten Dienst. (Siehe u.a. Merkt, 1999.)

[6]     Handschriftlicher Text von Alfred Margul-Sperber aus dem Jahre 1932, der im AMS-Nachlaß im Muzeul Literaturii Române Bukarest (MLR) unter der Inventurnummer 25000-322/5 vorliegt. Der Text war ein Rundschreiben an alle deutschschreibenden Juden der Bukowina, sich durch eigene Texte an einer Anthologie literarischer Texte zu beteiligen. (Siehe dazu Guţu 1997, 149–175).

[7]     Auf dem Programm der Czernowitzer Goethe-Feier im Musikverein am 21. März 1932 standen folgende Punkte: „1. Prolog von F. Lang, gesprochen von Frl. Ilse Dubensky; 2. Beethoven: Ouvertüre zu „Egmont“, dirigiert von Dr. Ottokar Hrimaly; 3. Lieder (mit Texten von Goethe), gesungen von Frau Felizitas Hrimaly-Lerchenfeld; 4. Goethe: „Gesang der Geister über den Wassern“, „Mahomeds Gesang“, „Totentanz“, rezitiert von Stefan Rubasch; 5. Lieder (mit Texten von Goethe), gesungen von Eusebie Saghin; 6. „Der Gott und die Bajadere“, rezitiert von Else Brodowska; 7. Aus „Faust. Erster Teil“: Zueignung, Prolog im Himmel, Szenen aus dem ersten Akt, dargestellt vom Kammerspiel des Theatervereins. Regie: Eugen Grünau, Orgel: Hans Brotkorb; 8. Brahms’ Rhapsodie (Fragment aus Goethes „Harzreise im Winter“ für eine Stimme, Männerchor und Orchester). Altsolo: Dr. Marianne Vinzent. Dirigent: Dr. Ottokatr Hrimaly.“ Vorankündigung in: Der Tag, 18.März 1932, 2.

[8]     Über die Versammlung der Jüdischen Reichspartei wird am 1. November 1932 auf Seite 2 berichtet.

[9]     „Wie ich Palästina sah. Dr. Ebner erzählt“. In: Der Tag, 11. April 1933.

[10]   Zu den oft heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Chassidim und den (deutsch) Akulturierten in der Bukowina siehe Corbea-Hoişie, 1998, vor allem S. 10-19.

[11]   „Iorga gegen Extremismus”. In: Der Tag, 7. Oktober 1933, 1.

[12]   Darüber wird im Tag am 9. Juli 1933, 4, unter der Überschrift „Der Verräter Brandsch. Die hitleristische Hetze in Siebenbürgen” berichtet.

[13]   So der Leiter der Bauernpartei (Nationalzaranisten) Dr. Lupu, in: Der Tag, 14. November 1933, 3.

[14]   Siehe auch: „Dr. Lupu warnt die hitleristischen Sachsen“, in: Der Tag, 15. November 1933, 3.

[15]   „Die Deutschen Rumäniens schwören den Nationalsozialismus ab”. In: Der Tag, 5. Dezember 1933, 1.

[16]   „Auch Gerhart Hauptmann …“ In: Der Tag, 16. September 1933, 2.

[17]   Über eine Gedenkfeier für Elieser Steinberg wird am 27. Mai 1932, 3, berichtet. Hecht schreibt auch „Ein Geleitwort zu Steinbergs Fabeln. Erster Band“. In: Der Tag, 26. Oktober 1932, 2.

[18]   Der Tag, 12. Juni 1932, 2 („Schuhe, Mäntel, Hüte,/ dazwischen ein leeres Gesicht…“); 10. Juli 1932, 3 („Außen bist du Gold uns grelles Gleißen,/ Edelsteine zieren dein Gewand …“); 26. November 1933, 7 („Mählicher morgender Schein schneit wie ein Nachtalp herein – / bald wird die Stadt sich entzünden! …“).

[19]   Daneben steht „Studie in einem Speisesaal“ von Hermann Hesse.

[20]   „Ein Künstler entdeckt die Bukowiner Landschaft. Zur Eröffnung der Löwendal-Ausstellung“. In: Der Tag, 24. September 1933, 3.

[21]   Fango: „Porubsky“. In: Der Tag, 24. August, 2.

[22]   Die drei Gedichte sind in der Reihenfolge ihrer Autoren: „Mutter“, „Dem Gedächtnis mei­ner Mutter“ und „Bildnis einer Alten“.

[23]   Die letzte Fortsetzung erschien am 21. Juli 1932.

[24]   Vorträge der Dichterin Dusza Czara Rosenkranz: „Moderne polnische Lyrik”. In: Der Tag, 16. April 1933, 11.

[25]    „Literatur. Paul Zarifopol gestorben”. In: Der Tag, 9. Mai 1934, 3.

[26]   Dr. S. Diesche: Erinnerungen an Simion Florea Marian. In: Der Tag, 17. Februar 1935, 6.

[27]   Aus „Die Berührung der Sphären“.

[28]   Aus dem Norwegischen von H. Goebel.

[29]   Es handelt sich um die Gedichte: „Nocturna“ („Gebet zur Nacht“), „Der Pflüger“, „Atlas“, „Totenzimmer“, „Vater“, „Junges Jahr“, „Schilfregen“, „Frühling der Mädchen“, „Abend am Teich“ und „Verblühte Sonette“ 6 und 16. [MLR 25000-946].

[30]   An gleicher Stelle stehen auch Sperbers „Der Regen“ und Kittners „Regenrauschlied“ unter der Überschrift „Drei Bukowiner Lyriker zu einem Thema“.

[31]   Im Bukarester Sperber-Nachlaß gibt es die Typoskripte zweier Fassungen: A. Die Buche. Ei­ne Anthologie jüdischer Dichtung aus der Bukowina (MLR 25000-266; 156 S.) und B. Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina (MLR 25000-323; 368 S.). (Siehe dazu Guţu 1997, 149-175).

[32]   Buchenblätter (1932). Neue Folge, I. Jahrgang. Czernowitz.

[33]   Beabsichtigt war auch die Herausgabe einer rumänischen Ausgabe, von der allerdings nur eine einzige Nummer erschien: Curierul provincial Bucovinean. Foaie săptămânală independentă, Nr. 2, 1 Noiembrie 1931.

[34]   Bukowinaer Provinzbote. Unabhängige Wochenschrift, Nr. 1, I. Jahrgang, 23. Oktober 1931, S. 1. Verantwortlich zeichnet für den Beitrag „Die Schriftleitung“. Als Typoskript („Zum Geleit”) siehe: MLR 25000-759.

[35]   In diesem Band veröffentlicht Drozdowski auf den Seiten 451-472 den Aufsatz „Zur Geschichte des Theaters in der Bukowina“.

[36]   Barbara Wiedemann-Wolf, a.a.O., 36 f.

[37]   Daß es noch inmitten höchster Gefahren zu Meinungsverschiedenheiten unter den Bukowiner Autoren kommen konnte, liegt auch an dieser unbestrittenen Absicht. Nur in dieser Spannung regionaler, also peripherer Wirkungsumfälder kann u.U. der Hauptbeweggrund zu den erwähnten Mißstimmigkeiten menschlicher Natur erblickt werden, keinesfalls in einer eitlen Streitsucht, die an den tieferen Zeitbedingtheiten vorbeisieht. Vgl. Corbea-Hoişie 2003, 363-378.

[38]   Der Band ist 2003 in Rumänien erneut, allerdings als zweisprachige Ausgabe herausgegeben worden: Lucian Blaga, Mareele sufletului - Die Gezeiten der Seele. Gedichte. Auswahl und Übersetzung von Georg Drozdowski. Hrsg. u. mit einem Vorw. vers. v. Vasile Voia. Cluj-Napoca: Dacia 2003.

[39]    Auf Seite 424 steht auch ein von Drozdowski übersetztes Gedicht von Lucian Blaga.

[40]    „Über die Wipfel“ – „Peste vărfuri“; „Und schlägt Gezweig“ – „Şi dacă ramuri bat în geam“; „Herbst kam ins Land“ – „Afară-i toamnă“, ebd., 4.


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