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GGR-Beiträge
zur Germanistik 9 / Jassyer Beiträge zur Germanistik 9
"Stundenwechsel". Neue
Perspektiven zu Alfred Margul-Sperber,Rose Ausländer,
Paul Celan, Immanuel
Weissglas.
Herausgegeben von Andrei
Corbea-Hoisie, George Gutu, Martin Hainz
Editura Paideia, Bucuresti / Editura
Universitatii "Al. I. Cuza" Iasi / Verlag Hartung & Gore, Konstanz,
2002, 498 S.
Vorwort (S. 8-9)
Es sei bestens um die Rezeption der
Dichter der Bukowina – um jene Rose Ausländers, Paul Celans, Alfred
Margul-Sperbers und Immanuel Weißglas’, denen dieser Band sich
widmet – bestellt, so konnte man lange Zeit meinen; denn nachgerade
in aller Munde war die Region, in der Menschen und Bücher eine
Heimstätte gehabt haben sollen. Indes waren es oft Projektionen,
denen die Popularität dieser Landschaft samt ihrer durch sie
gleichsam definierten Dichter sich verdankt haben mag.
Zuallererst ist hier der Versuch zu nennen, auf ein multikulturelles
Paradies zu rekurrieren, das es so freilich nicht gegeben haben
dürfte. Österreich war einst ein Vielvölkerstaat, worin
separatistische Ambitionen bestanden; um diese – nationalistisch
motiviert oder bloß Ausdruck des lokalen Establishments, das seine
Privilegien zurücksehnte – zu bändigen, erfand man diesem
Vielvölkerstaat, der einer bleiben wollte, seinen homo
habsburgiensis und als dessen lokale Variante den homo
bukoveniensis. Diese pragmatische Fiktion zeitigte durchaus
humane Folgen – freilich indirekt, sind es doch stets „die Umwege
[…], die der Kultur die Funktion der Humanisierung des Lebens geben”
(Hans Blumenberg)… Nun ist gewiß mit Klaus Werner von einem
„existentiellen Zusatzertrag” schon durch das Nebeneinander der
Traditionen, das ja doch Ansätze der Interkulturalität selbst dann,
wenn sie ungewollt sind, zeitigt, zu sprechen. Mehr zu sagen wäre
indes unseriös. Alles fängt also mit einem Märchen – man
könnte auch sagen: dem Czernowitz-Syndrom – an. Dieses
besteht in der retrospektiven Verklärung von Multikulturalität zu
völkerverbindender Harmonie; diese Glorifizierung dürfte nebst
habsburgischem Mythos vor allem auch dadurch zu erklären sein, daß
Czernowitz – so wenig es an Harmonie eigentlich auch bot – von
seinen Bewohnern rückblickend im Kontrast zu dem größeren Übel in
unmittelbarer vor allem zeitlicher Nähe gesehen wurde. Der
trostsüchtige Rückblick der auf Lebenszeit Exilierten freilich
harmoniert mit den Bedürfnissen, die Menninghaus in seinem Essay »Czernowitz/Bukowina«
als literarischer Topos deutsch-jüdischer Geschichte und
Literatur aus der Stilisierung seitens der Rezipienten las,
bestens. Diese wünschten sich die notfalls auch einseitige Bezeugung
der Möglichkeit eines Mitteleuropas, dessen Einheit Vielfalt sein
soll; freilich ist das (zumal angesichts der allenthalben
erstarkenden Nationalismen: Vielheit in Einfalt) erstrebenswert,
aber, wo eine seriöse Darstellung des Realen zu erabeiten ist, eben
vorerst Utopie. „Gewiß mag es auch heute noch der Fall sein, daß
»Mitteleuropa« als magisches Schlüsselwort umfunktioniert wird, im
Zeichen sogenannter Nostalgie”, schrieb 1975 (!)
Zahorsky-Suchodolski vom den Blick trübenden Versuch, eine Option
der Zukunft in der Vergangenheit zu situieren. In einer solchen
Unternehmung droht die Vielschichtigkeit im Blick auf Europa und
sein Vorbild Bukowina zu entfallen. Wie falsch beispielsweise
Rezzoris Texte oftmals gelesen wurden, da deren rumänische
Einschlüsse, die das Märchen von Maghrebinien noch deutlicher, als
es ohenhin der Fall ist, zur maghrebinische Satire machen, nicht
dechiffriert werden konnten, zeigt Hans Neumann in unserem Band.
Deutete man das Nebeneinander der Vergangenheit zu einem Miteinander
um, so mit interpretatorischer Skrupellosigkeit auch das
Nebeneinander der Gegenwart; Celans Todesfuge wurde und
bleibt wohl auch als einigendes Trostgedicht populär – und
erst recht erfuhren Rose Ausländers Verse eine in diese Richtung
gehende Deformation. In einem hypertrophen Abschirm-Diskurs bringt
man die Dichtungen beider, indem man sie ständig und immer
phrasenhafter bespricht, zum Schweigen. Folglich muß der geschulte
Zyniker die beeindruckenden Auflagen, die vor allem Ausländers Werk
hat, wohl so kommentieren: So schlecht, so mißverständlich ist diese
Dichtung wahrlich nicht. Dagegen droht jenen, an deren Werk die
Entstellung zur Rezipierbarkeit weniger erfolgreich verlief, nicht
zuletzt eben darum das Vergessen; es droht Alfred Margul-Sperber und
vor allem Immanuel Weißglas, der ein Stiefkind der Germanistik und
der Leser geblieben ist – sehr zu Unrecht, ja unbegreiflicherweise,
wie der vorliegende Band zeigt.
Ist also von der Erfolgsgeschichte der Bukowina die Rede, so
trügt dies – eine differenzierte Darstellung erweist sich als
unvermindert notwendig. Schon wird Celans Œuvre aufs fatalste mit
seinem Fortleben in der oft fehlgeschlagenen Rezeption verwechselt.
„Celan mit seiner schwarzen Milch halte ich […] für Edelkitsch”,
annotierte unlängst die poetologisch gewiß satisfaktionsfähige Liesl
Ujvary, ein Rezensent des Standard umschrieb den Hang eines
Übersetzers zur beschönigend-harmlosen Formulierung als
„Celanisierung” des Ausgangtextes – und wer das für einzelne
Verirrungen hält, lese die höchst bedenkliche Darstellung der
Celanschen Poesie in Klaus Zeyringers Literaturgeschichte
Österreichs seit 1945. Gewiß bleibt auch eine mißverstandene
Poetologie und Poesie unvermindert legitim, doch ist bekannt: Was
aber bleibet, stiftet nicht zuletzt auch der Leser.
Die Bukowina also soll in diesem Band einmal mehr erkundet werden –
die Iasier Beiträge können dabei übrigens nicht ganz ohne
Stolz auf schon Geleistetes verweisen, nämlich auf
Kulturlandschaft Bukowina aus dem Jahr 1990, den V. Band der
Beiträge; Rose Ausländer ist als eine Dichterin wiederzuentdecken,
die durchaus nicht postkarten-kompatibel ist, zu entdecken, Paul
Celan als ein Poet und Polemiker von bestürzender Präzision, Alfred
Margul-Sperber als ein Dichter, dessen Werk zu Unrecht auf die
Formel des „mehrfach redundanten Bildgefüge(s)” (Barbara Wiedemann)
verkürzt wurde, und Immanuel Weißglas schließlich als Poet, dessen
Bildsprache modern und dessen Umgang mit Zitaten im besten Sinne
postmodern geheißen werden muß. Wir hoffen, daß zu diesen
dringlichen Entdeckungen und Kenntlichmachungen vorliegendes Buch –
betitelt mit einem Zitat Margul-Sperbers – seinen Beitrag leisten
wird.
Martin A. Hainz
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