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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens:
www.ggr.ro |
Tag der Europäischen Sprachen (6)
Durch den unaufhaltsamen Vormarsch des Englischen ist ohnehin die
Mehrsprachigkeit europaweit ernsthaft bedroht
Bildungsstrategie mit marktorientierten Zielsetzungen bereichern /
Interview mit Univ.-Prof. Dr. George Guţu
Univ.-Prof. Dr. George
Guţu, Leiter des Bukarester Germanistik-Lehrstuhls an der
Fremdsprachenfakultät der Universität Bukarest und Präsident der
Gesellschaft der Germanisten Rumäniens, hat über E-Mail aus
Deutschland, wo er im Hochschuljahr 2004/ 2005 Professurinhaber am
Elias-Canetti-Lehrstuhl für interkulturelle Südosteuropa-Studien der
Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder war, auf unsere
Fragen geantwortet.
Konnten Sie in den letzten Jahren bei den
Studenten ein gesteigertes Interesse für die deutsche Sprache
feststellen?
Zuallererst darf ich die diesjährige Initiative der Deutschen
Botschaft in Bukarest begrüßen, den europäischen Sprachentag mit
einer deutlichen Zunahme ihres Interesses für das Schicksal der
deutschen Sprache in Rumänien zu begehen. Daß die verschiedenen
Gremien, die sich um die Pflege der deutschen Sprache in Rumänien
bemühen, nun die Möglichkeit haben, sich selbst und die eigenen
Leistungen in diesem Bereich im Rahmen einer gemeinsamen
Veranstaltung zu präsentieren, hat geradezu paradigmatischen Wert.
Ich erblicke darin auch eine erfreuliche Folge der ununterbrochenen
Bemühungen der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens, der
Germanistiklehrstühle unseres Landes um die Sensibilisierung sowohl
der rumänischen als auch der deutschen Entscheidungsträger im
Zusammenhang mit dem jetzigen Stand des Deutschunterrichts in
Rumänien.
Allerdings erwiesen sich bislang die rumänischen zuständigen Stellen
weniger ansprechbar in dieser Angelegenheit als von uns ursprünglich
angenommen. Angesichts der Reaktionsunfähigkeit rumänischer Behörden
scheint mir andererseits vollkommen kontraproduktiv, in Sachen
Deutschunterricht in Rumänien falsche Probleme zu konstruieren: Es
gab, es gibt und es wird niemals einen von der Sache her bedingten
Gegensatz zwischen dem DaF- und DaM-Unterricht in Rumänien geben.
Eine diesbezügliche Diskussion erscheint allerdings für die nächste
Zukunft als unerläßlich, um fiktive Reibungsflächen zu beseitigen
und schließlich und endlich den bestehenden Tatsachen in Rumänien
bildungspolitisch Rechnung zu tragen.-
Um nun auf Ihre erste Frage zu antworten: Am Germanistiklehrstuhl in
Bukarest haben wir in den letzten Jahren ein gesteigertes Interesse
für die deutsche Sprache festgestellt. Diese Tatsache ist allerdings
mit einer anderen aufs engste verbunden: Mit der der Zunahme des
Gefälles der Sprachkompetenz unserer Studienplatzbewerber. Auf der
einen Seite gibt es gute Kenner der deutschen Sprache, deren Zahl
allerdings zusehends abnimmt, andererseits gibt es immer mehr
Bewerber mit sehr geringer deutschen Sprachkompetenz bzw. blutige
Anfänger. So konnten wir in Bukarest die Gruppen im Hauptfach
Germanistik bislang noch aufrechterhalten, für das Hochschuljahr
2005/2006 bangen wir bereits um den Fortbestand dieser
Fortgeschrittenengruppen. Im Nebenfach Deutsch konnten wir immer
noch eine Gruppe von Studierenden mit relativ guten deutschen
Sprachkenntnissen zusammenstellen, zugleich mußten wir jedoch
weitere 4 Gruppen mit mehr als 120 Studierenden mit keinerlei
Deutschkenntnissen bilden.
Diese Zahlen deuten unmißverständlich darauf hin, daß der
hochschulische Deutschunterricht sich immer mehr auf eine geringere
bzw. fehlende Sprachkompetenz der Studienbewerber einstellen muß.
Wir zogen bereits die Konsequenz daraus und begannen neue, den
gegenwärtigen Bedingungen entsprechende Curricula zu entwickeln, die
im Zuge der Einführung des Bologna-Prozesses ohnehin neu bedacht
werden mußten. Mit dem Hochschuljahr 2005/2006 finden die
Bologna-Vorsätze in der Bukarester Germanistik ihre sorgfältig
vorbereitete Anwendung. Dabei verfolgen wir das Ziel, die
Bildungsstrategie mit marktorientierten Zielsetzungen zu bereichern
und konkretere Qualifizierungs- und Evaluierungskriterien
anzuwenden.
Wie viele Studienplätze für Deutsch hatte
der Germanistik-Lehrstuhl vor der Wende und wie viele gibt es dieses
Jahr im Angebot?
Ihre Frage konstruiert einen Scheingegensatz, der 15 Jahre nach der
Wende nicht mehr so verstanden werden kann und darf: Wir konnten
nach der Wende in ganz Rumänien - trotz des bedauerlichen, aber eben
nüchtern wahrzunehmenden, durch die massive Aussiedlung der
Rumäniendeutschen verursachten Aderlasses - eine Zeitlang noch eine
(im Vergleich mit der Vor-Wendezeit) deutlichen Zunahme der Zahlen
von Deutsch-Studierenden verzeichnen. Insofern war damals der
Gegensatz zwischen den Bedingungen aus der Zeit vor und nach der
Wende durchaus relevant.
Die neuere Entwicklung zeigt jedoch etwa seit Ende der 90er Jahre
einen relativ deutlichen Rückgang der an den Universitäten im
Bereich der Germanistik Immatrikulierten - und wenn er in der Zahl
der Studierenden noch nicht dramatische Züge angenommen hat, so ist
der rückläufige Prozeß im Bereich der deutschen Sprachkompetenz
unübersehbar und geradezu besorgniserregend. Wer (noch) nicht bereit
ist, diesen Tatsachen ins Auge zu schauen, und wer illusionären,
allein in einigen (Ausnahme)Fällen begründbaren Vorstellungen
nachjagt, lädt Mitschuld an einem - noch aufhaltbaren! -
(fremd)sprachpolitischen Desaster auf sich. Durch den unaufhaltsamen
Vormarsch des Englischen ist ohnehin die Mehrsprachigkeit europaweit
ernsthaft bedroht.
In diesem Jahr stehen im Angebot unseres Germanistiklehrstuhls: 20
staatlich geförderte und 30 selbstfinanzierte Studienplätze im
Hauptfach und 15 staatlich geförderte und 7 selbstfinanzierte
Studienplätze im Nebenfach. (Erfahrungsgemäß erhalten wir nach
erfolgter Aufnahmeprüfung noch etwa 90-100 selbstfinanzierte
Studienplätze im Nebenfach für Bewerber, die sich für andere
Sprachen gestellt, dort nicht bestanden und sich schließlich für
Deutsch entschieden haben.) Hinzu kommen 30 Studienplätze mit
Selbstfinanzierung im Studiengang Moderne Angewandte Sprachen (Limbi
Moderne Aplicate). Hinzu kommen 10 staatlich geförderte und 15
selbstfinanzierte Studienplätze im Studiengang Dolmetscher,
Übersetzer und Terminologen, in dem noch weitere 10 Studienplätze
für das III. Studienjahr Germanistik hinzukommen. Unbedingt
hinzuzufügen sind die 15 Studienplätze mit staatlicher Förderung und
die 10-15 mit Selbstfinanzierung im interdisziplinär konzipierten
Magisterstudiengang Interkulturelle Kommunikation, im besonders
angesehenen Magisterstudiengang im Bereich Dolmetscher, Interpreten
und Terminologen und im Magisterlehrgang für literarische
Übersetzungen sowie die 7 Studienplätze für Doktoratsanwärter.
Um das Angebot zu vervollständigen, müssen auch die Studienplätze
angeführt werden, die wir im Bereich des studienbegleitenden
Deutschunterrichts an nichtphilologischen Fakultäten (Mathematik,
Physik, Chemie, Biologie, Philosophie, Rechtswissenschaften etc.)
versorgen und sich in etwa auf durchschnittlich 140 belaufen.
Erwähnt werden müssen auch die jeweils 15 Studienplätze an der
Fakultät für Rumänistik, an der Fakultät für Journalistik, an der
Fakultät für Public Relations und Management und schließlich an der
Fakultät für Politikwissenschaften. Diese hier zusammengetragenen
Angaben können - ziemlich mühsam und nur separat - über verschiedene
Internetpfade abgerufen werden - so etwa auch über die Adresse
www.ggr.ro/examene.htm
oder über die Homepage
der Universität Bukarest
www.unibuc.ro
.
Die Zahlen können beruhigen: etwa 470 Studienplätze insgesamt (für
ein einziges Studienjahr) sind doch eine recht erfreuliche Tatsache.
Doch es bleibt abzuwarten, ob die Bewerber auch die für die
verschiedenen, recht differenzierten und marktorientierten
Studiengänge nötige Sprachkompetenz aufweisen, um die geplanten
Gruppen bilden zu können.
Wir haben jedoch in diesem Jahr eine gezielte Kampagne entfaltet, um
unsere Angebote und zugleich unsere Argumente zugunsten des Studiums
der deutschen Sprache bekannt zu machen. (Man siehe dazu
www.ggr.ro/examAdmit05.htm
.) Andererseits
will ich keinesfalls das Mißverständnis aufkommen lassen, das andere
geradezu emphatisch fördern: 470 Studienplätze bzw. Studierende -
wohlgemerkt: allein in einem Studienjahr - liegen in der
Verantwortung unseres Germanistiklehrstuhls, davon sind jedoch
strenggenommen 150 im (modern aufgefaßten) Bereich der
interkulturellen Germanistik angesiedelt, während sich der Rest auf
die praxisorientierten Deutsch-Studiengänge unserer sowie anderer
Fakultäten und auf den studienbegleitenden Deutschunterricht
verteilen. Der Vollständigkeit halber muß auch noch gesagt werden,
daß wir alle zwei Jahre Studiengänge der Nederlandistik und alle
vier Jahre Studiengänge für schwedische Sprache und Literatur als
Nebenfächer anbieten. Angesichts all der für sich sprechenden
nüchternen Angaben erscheint uns allein der Gedanke, sich als größte
germanistische Einrichtung des Landes zu bezeichnen, weder sinnvoll
noch kollegial. Informationen über den Bukarester
Germanistiklehrstuhl sind übrigens über die Internet-Adresse
www.ggr.ro/mittbuka.htm
abrufbar.
Was für Magisterstudiengänge bietet
der Germanistik-Lehrstuhl dieses Jahr an?
In diesem Jahr bieten wir
Magisterstudiengänge in folgenden Bereichen: Interkulturelle
Kommunikation, Dolmetscher, Übersetzer sowie Terminologen und
Literarische Übersetzung. Die verfügbaren Studienplätze wurden oben
erwähnt. Es kommt mir besonders darauf an anzumerken, daß wir bemüht
sind, Studienangebote zu entwickeln, die fachübergreifend gedacht
und einer praxisorientierten Ausbildung angemessen sind, zugleich
versuchen wir keinerlei Abstriche zu machen in Sachen Fach- und
Allgemeinwissensvermittlung. Die Magisterstudiengänge können auch
von Abgängern früherer Jahrgänge, die in ihrem Beruf weiterkommen
möchten, sowie von Abgängern aller Hochschulen des Landes besucht
werden. Unsere recht vielfältigen internationalen Kontakte im Sinne
der Studierenden- und Dozentenmobilitäten kommen auch in diesen
Lehrgängen prägnant zur Geltung.
Was kann sich ein Germanistik-Absolvent
heutzutage an Job-Angeboten vom rumänischen Arbeitsmarkt erhoffen?
Die Präsentation unseres
Lehrstuhls in einem auch übers Internet (www.ggr.ro/examAdmit05.htm)
abrufbaren Flyer führt auch die Berufe an, in denen unsere Abgänger
auf dem rumänischen Arbeitsmarkt ihren Platz gefunden haben:
Lehramt, Übersetzer, Dolmetscher, Terminologe, Human Resources,
Public Relations, Marketing, wissenschaftliche Mitarbeiter,
Sachbearbeiter (referenti), Redakteur/Journalist in den Mass Media
(Presse, Rundfunk, Fernsehen), Verlagslektor, Sekretariat,
Angestellte in den Verwaltungseinrichtungen und Ministerien,
Mitarbeiter deutscher und österreichischer Firmenvertretungen, nicht
zuletzt jedoch auch rumänischer Firmen mit vielfältigen
Geschäftsbeziehungen mit dem deutschsprachigen Ausland, Kulturleute
etc.
In all seiner Tätigkeit bemüht sich der Bukarester
Germanistiklehrstuhl vor allem jetzt, da er dem 100. Jubiläum seiner
Gründung im Jahre 1905 entgegensieht, das wir im November 2005 auch
feierlich begehen wollen (siehe dazu nähere Informationen über
www.ggr.ro/catedra2a.htm!),
um die ständige Optimierung von Lehrinhalten und -formen sowie von
Forschungsvorhaben, um dem gegenwärtigen Stand der
Internationalisierung und Europäisierung der Bildungsprozesse
angemessen und entsprechend seiner ehrwürdigen eigenen Traditionen
Rechnung zu tragen.
Sie sind außerdem auch Präsident der
Gesellschaft der Germanisten Rumäniens. Worin besteht die aktuelle
Tätigkeit dieser Gesellschaft?
1990 wurde unter den
durch die Wende geschaffenen günstigen Bedingungen die lang ersehnte
Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) gegründet. Angeknüpft
werden sollte an die in der Zwischenkriegszeit entfaltete Tätigkeit
der Societatea Germanistilor Români, doch wir waren alle uns dessen
bewußt, daß völlig neue Aufgaben auf uns zukommen. Im Artikel 2 des
Statuts der GGR heißt es bezeichnenderweise: "Die Gesellschaft der
Germanisten Rumäniens vereint Fachleute auf dem Gebiete der
Germanistik und ist eine Organisation mit wissenschaftlichem
Charakter, deren Ziel es ist, Folgendes zu fördern: a) die
germanistischen Untersuchungen (Linguistik, Literatur, Kultur und
Zivilisation im deutschen Sprachraum sowie in den Ländern, in denen
deutschsprachige Bevölkerungen historisch, aufgrund von schriftlich
festgehaltenen Dokumenten ihre eigene geistige Individualität
bekundet haben); b) Studien und Forschungen zu intergermanistischen
oder Interferenzerscheinungen mit anderen geistigen Räumen,
einschließlich des Raums rumänischer Kultur und Zivilisation; c)
germanistische Studien zu methodologisch-didaktischen Fragen; d)
wissenschaftliche Kontakte zwischen den Germanisten Rumäniens und
des Auslands."
Die Pflege der deutschen Sprache als solche brauchte nicht mehr
ausdrücklich erwähnt zu werden, da sie hinter all den Zielen der GGR
als selbstverständliche Voraussetzung zu verstehen war.
Nichtsdestoweniger hat sich die GGR gerade in diesem Bereich
bemerkenswerte Verdienste erworben: In Zusammenarbeit mit dem
Rumänischen Deutschlehrerverband hat die GGR eine vielfältige
Tätigkeit zur Optimierung und Modernisierung des Deutschunterrichts,
zur kritischen Erneuerung von Inhalten und Lehrmethoden, zur
Vertiefung des Dialogs mit den in- und ausländischen Fachkollegen
entfaltet.
Durch die 1992 gegründete "Zeitschrift der Germanisten Rumäniens"
(ZGR) als wissenschaftliches Fachorgan, das bis heute in 14 Bänden
vorliegt, durch die 1994 wiederaufgenommene Tradition der Kongresse
der Germanisten Rumäniens, die alle drei Jahre (1994 - Neptun, 1997
- Sinaia, 2000 - Iasi/Jassy, 2003 - Sibiu/Hermannstadt, 2006 -
Timisoara/Temeswar) als bedeutende internationale Tagungen mit hoher
Beteiligung der Fachleute veranstaltet werden, durch die 1997
gegründete Buchreihe von wissenschaftlichen Abhandlungen
"GGR-Beiträge zur Germanistik", in der bereits 14 Bände erschienen
sind, nicht zuletzt durch die Schaffung eines neuen
wissenschaftlichen Publikationsorgans in Zusammenarbeit mit dem
Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD): "transcarpathica.
germanistisches jahrbuch. Rumänien" (ab 2002) und durch eine
Vielzahl von einzelnen kleineren, themenbezogenen Tagungen stellte
die GGR unentwegt und in aller Deutlichkeit ihre
grenzüberschreitende, interkulturelle, völkerannähernde Berufung
unter Beweis. Zugleich verfolgte und verfolgt sie das Ziel, die
Beziehungen zu der Inlandsgermanistik sowie zu den übrigen
Auslandsgermanistiken enger zu gestalten und auf diese Art und Weise
einen aktiven, weiltweit anerkannten konstruktiven Beitrag zur
Internationalisierung des Fachs zu leisten. (Zahlreiche weitere
Informationen sind im "Archiv" der GGR:
www.ggr.ro zu
finden.)
(Die Fragen stellte Iunia Martin)
In:
Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien
- 8. September 2005. (Siehe auch:
http://www.adz.ro/k050908.htm)
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