A n s p r a c h e  bei der Eröffnung des

    GOETHE-SYMPOSIONS

    und im Hinblick auf die Gründung der

    GOETHE-GESELLSCHAFT IN RUMÄNIEN

    gehalten am 15. April 1998 von Univ.-Prof. Dr. George Guţu

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

 
seit längerem hegen in Rumänien Forscher, Übersetzer oder schlicht und einfach Liebhaber der Werke von Johann Wolfgang Goethe den Wunsch, eine Gesellschaft, einen kulturellen Verband zu gründen, um gemeinsam Anstrengungen im Hinblick auf ein besseres, vertieftes Verständnis sowohl des Werks und Lebens Goethes als auch seiner in hohem Maße interessanten Epoche der Weimarer Klassik zu unternehmen. Es geht dabei um die systematische, zielgerichtete Förderung von Projekten und einzelnen Vorhaben, die darauf zielen, das Werk Goethes ins Rumänische zu übersetzen, sie zu kommentieren und zu edieren.
Mit unserem Symposion und mit der morgigen Gründung einer Goethe-Gesellschaft in Rumänien tun wir einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung.

Es ist mir ein Bedürfnis, den Gastgebern unserer wissenschaftlichen Veranstaltung, dem Bukarester Goethe-Institut, seinem Direktor, Herrn Peter Reitz, ganz herzlich zu danken für seine wertvolle Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung unseres zweitägigen Goethe-Symposions und der abschließenden Gründung der rumänischen Goethe-Gesellschaft. Wir sehen darin den deutlichen Ausdruck einer guten, seit längerem bestehenden Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens, mit dem Bukarester Germanistik-Lehrstuhl, die stets bestrebt sein werden, diese Zusammenarbeit nach Kräften auszubauen.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den rumänischen Bildungs- und Kultureinrichtungen, so dem Bildungsministerium und dem Kulturministerium, insbesondere den Herren Ministern Andrei Marga und Ion Caramitru, für ihr Verständnis und ihre wohlwollende Bereitschaft, unsere Veranstaltung als Schirmherren zu unterstützen. Nicht zuletzt gilt unser Dank auch für ihre materielle Unterstützung. Leider konnten die zwei Minister wegen der Investitur der neuen Regierung heute auf unserem Symposion nicht erscheinen, doch schickten sie ihre Vertreter zu uns, Frau Ministerialrätin Alexandrina Pârvu und Frau Ministerialdirektor Ana Andreescu, die wir recht herzlich begrüßen.

Ich darf im Namen aller Organisatoren dieser Veranstaltung und aller hier Anwesenden den Präsidenten der traditionsreichen und angesehenen Goethe-Gesellschaft in Weimar, den ausgezeichneten und profunden Kenner und Forscher des Goetheschen Werkes, den Professor der Kölner Universität, Herrn Prof. Dr. Werner Keller, in Bukarest willkommen heißen und ihm für die ständigen Anregungen, eine Goethe-Gesellschaft in Rumänien zu gründen, aufrichtigen Dank aussprechen. Professor Werner Keller hat sich neben seinen langjährigen Lehraufträgen im deutschen Hochschulbereich in der wissenschaftlichen Erforschung und Popularisierung von Werk und Leben Goethes besonders wertvolle Verdienste erworben. Seine Bücher sprechen ebenso wie seine Bemühungen um die Festigung der Goethe-Gesellschaft Weimar eine deutliche Sprache: die Sprache des zutiefst empfundenen Humanismus, der Völkerverständigung, des Triumphs der Vernunft in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Das sind Werte von brennender Aktualität, die Werk und Leben Goethes um so reizvoller machen.

Eine ganz besondere Freude bereitet uns die Anwesenheit einer hervorragenden Persönlichkeit des geistigen Lebens unserer Zeit auf unserem Symposion. Es ist das Herr Prof. Dr. Hilmar Hoffmann, Präsident des international angesehenen und hochgeschätzten Goethe-Instituts mit zentralem Sitz in München, das - im Zeichen des Namens Goethes und all dessen, was hinter diesem Namen steckt - eine weltweite vielfältige Tätigkeit zur Pflege der deutschen Sprache und Kultur entfaltet, wobei diese zwei bedeutenden Elemente einer jahrhundertealten Zivilisation als wirksame Mittel der Völkerverständigung und -annäherung angesehen werden. Durch die Aus- und Weiterbildung von sprachlichen und geistigen Multiplikatoren trägt das Goethe-Institut weltweit zur grenzüberschreitenden Mentalitätsbildung im Sinne der europäischen Einigung, der weltweiten Zusammenarbeit im Geiste des Humanismus Goethescher Prägung. In seiner Ansprache auf der Leipziger Buchmesse 1998 stieß der rumänische Außenminister Andrei Plesu auf allgemeine Zustimmung, als er sagte, Rumänien brauche keine Wüste zu überqueren, um nach Europa zu gelangen, weil es eben IN Europa liege... Das Goethe-Institut beweist durch seine vielfältigen Veranstaltungen in Bukarest, daß es Rumänien als europäisches Land betrachtet, das stets seinen Beitrag zum Gedeihen der humanistischen Traditionen dieser Region geleistet hat.
Wir danken also noch einmal Herrn Prof. Dr. Hilmar Hoffmann, daß er uns die Ehre erweist, an der Eröffnung unseres Symposiums teilzunehmen.

Wir danken außerdem der Deutschen Botschaft in Bukarest für das Interesse und die Unterstützung, die sie stets für die germanistischen Aktivitäten bewiesen hat. Daß Herr Gesandter, Dr. Klaus Heinemann, sich Zeit genommen hat, um sich an der Eröffnung dieser Veranstaltung zu beteiligen, stellt dies noch einmal deutlich unter Beweis.

Und wir danken nicht zuletzt all meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Land, die sich mit Vorträgen angemeldet haben. Wegen der knappen uns zur Verfügung stehenden Zeit konnten leider nicht alle Anmeldungen Berücksichtigung finden. Das diesem Symposion entgegengebrachte Interesse bezeugt die große Liebe vieler rumänischer Wissenschaftler für das Leben und Werk Goethes.

Dieses Interesse begann bereits 1832, als in der Zeitschrift von Gheorghe Asachi “Albina româneasca” die Übersetzung eines Bruchstücks von Hermann und Dorothea erschien. Weitere Übersetzungen in Zeitschriften sowie in Buchform folgten.
Man kann als Nichtkenner der rumänischen Kultur- und Literaturentwicklung entgegnen, daß Goethes Rezeption in unserem Land recht spät einsetzte. Ja, Schiller wurde schon etwas früher übersetzt, aber auch recht spät. Dies hängt mit der Konsolidierung und Entwicklung der modernen rumänischen Kultur und Literatur, mit der Herauskristallisierung einer rumänischen literarischen Sprache zusammen.
Die ersten rumänischen Zeitschriften aus der Zeit zwischen 1832 und 1850 wie “Albina Româneasca”, “Curier de ambe-sexe”, “Curierul românesc”, “Foaie pentru minte inima si literatura”, die von Gelehrten wie Gh. Asachi, Gh. Barit oder Heliade Radulescu herausgegeben wurden, veröffentlichten wiederholt Übersetzungen von Goethes Werken.
Erstaunlich schnell entdeckt die rumänische Öffentlichkeit das vielschichtige Werk Goethes: seine Lyrik, seine Romane, seine Dramen. Einen großen Erfolg verzeichnete der Roman Die Leiden des jungen Werthers, der 1842 in der Tipografia Curtii a lui Fr. Walbaum in kyrillischen Übergangsbuchstaben in einer ersten rumänischen Fassung erschien und dann mehrere Auflagen, dann auch mehrere Übersetzungen erfuhr, so daß im Titel “suferintele” mit “patimile” abwechselt. Auch Titu Maiorescu hat Fragmente daraus selbst übersetzt. Das Echo war dermaßen stark, daß sogar eine einheimische Variante des Werther kreiert wurde: der Roman Fulga sau Ideal si Real (Fulga oder Ideal und Wirklichkeit, 1887) von Grigore Grandea.
Ebenfalls zu den ersten Übersetzungen ins Rumänische gehören Fragmente aus Faust: Ienachita Vacarescu zeichnet 1848 für die Übersetzung der Worte des Erdgeistes “Im Lebensfluten, im Tatensturm...” - DRACUL: “In valul vietii, furtuna faptei....” verantwortlich. V. Pogor und N. Skelitty dichten den ersten Teil von Faust nach. Es folgen rumänische Fassungen von Iphigenie auf Tauris, Clavigo, Stella, Egmont, Hermann und Dorothea. Unser Nationaldichter Mihai Eminescu schaltete sich ebenfalls in die Schar der Goethe-Übersetzer ein: allerdings sind das nur kleine Bruchstücke wie “Ca ziua-n care lumii te dete mai intii” (Aus: Urworte. Orphisch. Dämon: “Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen...”) oder “Spun popoare, sclavii, regii...” (West-östlicher Diwan, Buch Suleika. Suleika: “Volk und Knecht und Überwinder...”) oder auch aus dem Torquato Tasso eine Reihe von Versen. Stets war Eminescu darauf bedacht, die übersetzten Stellen sich so auszusuchen, daß sie seinen geistigen Intentionen und Präferenzen entsprachen.

Erstaunlich früh erfreuen sich auch Goethes theoretische oder essayistische Überlegungen einer großen Beliebtheit. Noch in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts werden viele seiner Maximen und Reflexionen, von seinen Aphorismen sowie der Aufsatz Literarischer Sansculottismus (“Sansculotismus Litterarius” - Ü: G. Barit, 1840) dem rumänischen Leser zugänglich gemacht. 1925 wird ein Teil seiner naturwissenschaftlichen Untersuchung Zur Farbenlehre, nämlich die sechste Abteilung. Sinnlichste Wirkung der Farbe unter dem Titel “Actiunea sensorio-morala a culoarei” übersetzt.

Von diesen recht kräftigen Anfängen bis zu den großangelegten Monographien zu Leben und Werk Goethes sollte noch etwas Zeit vergehen, als trauten sich die rumänischen Literaturwissenschaftler noch nicht, eine solch überwältigende Aufgabe auf sich zu nehmen. In kleineren Untersuchungen tasteten sich A. Vântul (Über Goethe und Schiller, 1890), Em. Grigorowitza (Faust-Studien, 1903), Simion C. Mândrescu (Goethes Relativsatz, 1903), Traian Bratu, 1909, heran. Ion Sân-Giorgiu exerziert 1929 und 1927 seine Vertiefung des Goetheschen Werkes vor mit einer vergleichenden Studie Mihai Eminescu si Goethe.

Dazwischen liegt als ein erster Höhepunkt der Goethe-Rezeption in Rumänien das Jahr 1932, als der 100. Todestag des Dichters in Ganz Rumänien gefeiert wurde. Im Athenäum-Saal fand eine offizielle Veranstaltung statt, auf der in Anwesenheit Seiner Majestät des Königs von Rumänien der Leiter der Societatea Germanistilor Români und Gründer und Leiter des Bukarester Germanistik-Lehrstuhls, Prof. Simion C. Mândrescu, eine beeindruckende Rede hielt.

 Nach der Rückschau von Ion Gherghel, Goethe in literatura româna. Cu o privire asupra intregei inriuriri germane. Studiu de literatura comparata - Goethe in der rumänischen Literatur. Mit einer allgemeinen Übersicht des allgemeinen deutschen Einflusses. Eine literaturvergleichende Studie, 1931, nach Nicolae Iorgas Gedenkrede in der Rumänischen Akademie 1932: Goethe, caracterul sau si izvoarele sale de inspiratie, und nach Ion Gherghels ergänzter Bibliografie critica despre Goethe la Români (Kritische Bibliographie über Goethe bei den Rumänen), 1936, folgte 1938 die erste große Monographie Ion Sân-Giorgius: Goethe, Bucuresti, Fundatia pentru Literatura si Arta Carol al II-lea, 1938 (509 S.) Die Faksimile dieser Ausgabe sehen Sie auf der ersten Seite unseres Symposion-Programms. Das Exemplar fanden wir in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar auf. Die Widmung galt Julius Petersen, dem damaligen Präsidenten der Goethe-Gesellschaft in Weimar. Der runde Stempel beweist, daß das Exemplar zum eigenen Bücherbestand Petersens gehört hat.
Von den bedeutenden Persönlichkeiten, die sich intensiv mit dem Werk Goethes wissenschaftlich beschäftigt haben, müssen unbedingt Tudor Vianu (Goethe, 1962), Mihai Isbasescu (Faust in literatura româna - Faust in der rumänischen Literatur, 1958), Mihai Ralea (Goethe - omul integral - Goethe, der vollständige Mensch, 1966), George Calinescu, Lucian Blaga, Al. Dima.

Eine kritische Synthese und einen fast lückenlosen Überblick über die pragmatische bzw. schöpferische Rezeption des Werkes von Goethe im rumänischen geistigen Raum bot 1980 der bedeutende Germanist und Goethe-Forscher Ion Roman mit seiner Untersuchung Ecouri Goetheene in cultura româna - Goethes Widerhall in der rumänischen Kultur.

Diese kurzen Hinweise wären sicherlich nicht vollständig, wenn man nicht erwähnen würde, daß bisher zweimal der Versuch unternommen wurde, Goethes ausgewählte Werke dem rumänischen Publikum zugänglich zu machen. Den ersten unternahm Romul Munteanu, der 1964 zwei Bände herausgeben konnte (Bd. I: Poezii si poeme - Gedichte und Epen; Bd. II: Egmont). Den zweiten vollzog Jean Livescu, dem es immerhin gelungen ist, trotz Widerständen aller Art 7 Bände in einer kommentierten, also kritischen Ausgabe herauszugeben.
Es ist die Ehrenaufgabe der rumänischen Germanisten, diese Ausgabe zu überdenken, neu zu gestalten, zu besorgen und zu Ende zu führen. Dies will die Gesellschaft der Germanisten Rumäniens in Zusammenarbeit mit dem Bukarester Germanistik-Lehrstuhl und der morgen zu gründenden Goethe-Gesellschaft in gemeinsamen Anstrengungen realisieren.

Zum Schluß möchte ich noch einige Kontakte zwischen Persönlichkeiten der rumänischen Kultur und Politik und der Goethe-Gesellschaft in Weimar dokumentieren, um zu zeigen, daß es an solchen Kontakten nicht gefehlt hat, daß sie jedoch sporadisch, dem Zufall überlassen und demzufolge daß die Früchte solcher Kontakte keinesfalls zufriedenstellend waren.

Im Mitgliederverzeichnis der Goethe-Gesellschaft in Weimar, das im Goethe-Jahrbuch bis 1936 regelmäßig erschienen ist, finden wir verschiedenen Eintragungen von einzelnen oder kollektiven Mitgliedern aus den traditionell rumänischen Gebieten.
Aus Czernowitz werden mehrere Namen erwähnt: "Gerlach, G., Baumeister; Hilberg, Dr. J., Professor; Paschkis, Dr. Moritz, Advocat und Rechtsconsulent; Strobl, Dr. J., Professor; Tomaszczuk, Dr. Constantin, Professor und Reichstagsabgeordneter; v. Waldberg, Dr. Max, Freiherr, Privatdocent; Wiglitzki, Dr. Hubert, Sekretär der Handels- und Gewerbekammer" (Bd. 9, 1888, S. 50f); "Becke, Frau Professor Wilhelmine; Walter, Richard, Fabrikant" (Bd. 10, 1889, S. 50f.) "Styrcea, Victor, Freiherr, Gutsbesitzer, Recihstagsabgeordneter" (Bd. 11, 1890, S. 54) Aus Bukarest wird unter den Mitgliedern auf Lebenszeit auch "Sturdza, Demetrius, kgl. Staatsminister a.D., Excellenz" angeführt. 1898 (Bd. 19) wird auch "Ihre Majestät die Königin von Rumänien", ab 1901 (Bd. 22) "Ihre Majestät die Königin Elisabeth von Rumänien" als Mitglied angeführt. Außerdem tauchen folgende Mitglieder auf: "v. Catargi, Dr. jur. Michael" aus Coblina, Rußland, 1901, S. 70; "v. Trauschenfels, Frau Hofrat und Oberkirchenrat Sofie" aus Kronstadt, 1902 (Bd. 18), S. 59; "Sturdza, Demetrius" aus Bukarest, 1905 (Bd. 26), S. 68; "Bessier, Friedrich, Ingénieur civile des mines" aus Ploesti, 1905, S. 69; "Kosch, Dr. Wilhelm, Professor", aus Czernowitz, 1911 (Bd. 32), S. 65; "Huttmann, Adolf, K.K. Gymnasialsupplent; Korn, Karl, Professor" - beide aus Raddautz, 1911, S. 66; "Jackson, Jon B., Amerikanischer Gesandter, exz." aus Bukarest, 1913, S. 69;"Lassel, Frau Bertha, Musikdirektorswittwe" aus Bukarest, 1922 (Bd. 9), S. 338. Schließlich wird noch im Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft (18. Bd., 1931), u. zw. im Bericht auf der 47. Versammlung (1931-32) u.a. all denjenigen gedankt, "die uns z.T. unter eigenen Opfern mit der Goethe-Literatur ihres Landes versorgt haben", wobei namentlich auch "das Rumänische Außenministerium Bukarest" Erwähnung findet.

Wollen wir also durch die Gründung der Goethe-Gesellschaft in Rumänien, bei der auch der Präsident der Goethe-Gesellschaft in Weimar teilnimmt, diese Kontakte auf eine neue Grundlage stellen, die eine fruchtbare wissenschaftliche Zusammenarbeit und ein engeres menschliches gegenseitiges Kennerlernen ermöglichen sollen.
In diesem Sinne ist unser Symposion ein guter Auftakt. Wünschen wir ihm also ein recht gutes Gelingen.

 

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