Sie befinden sich auf der Web-Seite der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens: www.ggr.ro

 

 Gesellschaft des Germanisten Rumäniens

 Germanistiklehrstuhl der Universität Bukarest

  B e r i c h t

auf der Tagung

 Germanistik im Europäischen Hochschulraum. Studienstruktur, Qualitätssicherung, Internationalisierung

(Freiburg, 16.-18. Juni 2005)

 

 Zum gegenwärtigen Stand der Einführung der Bologna-Vorgaben in Rumänien

im Zuge der Konstituierung des Europäischen Hochschulraums

 

Rumänien gehört  zu den europäischen Ländern, die am 19. Juni 1999 in Bologna die Deklaration unterzeichneten, deren Ziel es ist, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Damit unterstrich Rumänien seinen Willen, das rumänische Hochschulwesen im sich wandelnden europäischen Kontext zu reformieren. Rumänien nahm an allen Folgetreffen von Prag (2001), Berlin (2003) und Bergen (2005) aktiv teil, um den Veränderungsprozeß seines Hochschulwesens im Einklang mit den  inhaltlichen und strukturellen Ergänzungen auf der Grundlage der europaweiten Erfahrungen bei der Einführung des Bologna-Prozesses sinnvoll voranzutreiben.

Ebenso wie die meisten am Folgetreffen in Bergen im Mai 2005 teilnehmenden Staaten konnte auch Rumänien bestätigen, daß es verstärkt Bemühungen um die Optimierung des Impakts der strukturellen Veränderungen in den Curricula unternimmt, daß die Einführung des Zwei-Stufen-Systems in zunehmendem Maße implementiert und die Synergie zwischen Hochschulbildung und den eigenen sowie sonstigen Forschungsbereichen immer mehr beachtet wird.

Im November 2003 fand die Hochschulkonferenz aller rumänischen Hochschuleinrichtungen statt, auf der ein breiter Konsens über die Notwendigkeit einer raschen Einführung der Bologna-Beschlüsse erzielt wurde und die Grundsätze der Prager und Berliner Deklarationen begrüßt wurden.

Im Juni 2004 wurde das Gesetz 288/2004 angenommen, dem zufolge das Hochschulstudium ab dem Hochschuljahr 2005/2006 auf das Drei-Stufen-System (Bachelor, Master und Doktorat) umgestellt wird. Für die erste Stufe sind 180-240 ECTS/Leistungspunkte, für die zweite 90-120 ECTS und für die dritte 3 bzw. – in Spezialfällen – 4 oder 5 Jahre vorgesehen. Dabei müssen alle Doktoranden die zweite Stufe abgeschlossen haben. Im Hochschuljahr 2005/2006 wird auch das Diploma Supplement mit den jeweiligen Angaben zur Beschreibung von Hochschulabschlüssen und zu den damit verbundenen Qualifikationen ausgestellt. Die Einführung der Leistungspunkte und der Module führte zu einer wesentlichen Zunahme der Flexibilität und Transparenz des Studiums sowie der nationalen und internationalen Mobilität.

2005 wird der Rumänische Nationalrat für die Qualitätssicherung der Hochschulbildung im Rahmen des Rumänischen Bildungsministeriums gegründet, der einen nationalen Qualitätsrahmen ausarbeiten wird.

Das rumänische Hochschulwesen weist eine Reihe von Einrichtungen auf, die auf Qualität und Funktion aller Hochschulen achten – so den Nationalen Rektorenrat, den Nationalrat für die Finanzierung der Hochschulbildung (CNFIS, 1994), den Nationalrat für Hochschulforschung (CNCSIS, 1994) und die Nationalagentur für Partnerschaften zwischen Hochschulen und sozio-ökonomischen Einrichtungen (APART, 2001).

Im rumänischen Hochschulwesen  gibt es 56 staatliche Hochschulen (mit 596.297 Studierenden) und 20 private Hochschulen (mit 139.038 Studierenden – 2002/2003) – letztere wurden durch das Gesetz Nr. 84/1995 als Bestandteil des rumänischen Hochschulbildungswesens anerkannt.

Die von einem Staatssekretär geleitete Generalabteilung für Hochschulbildung im Ministerium ist zuständig für die Einführung des Bologna-Prozesses in Rumänien. Im Juni 2004 wurde die Gruppe zur Förderung des Bologna-Prozesses gegründet, die die Einführung der gemeinsamen europäischen Beschlüsse in das gesamte Bildungssystem Rumäniens anregt, prüft und beratend begleitet. Ihr gehören erfahrene Lehrkräfte und Manager an, die alle Gebiete des Landes vertreten. Sie besteht aus drei thematischen Arbeitsgruppen, die sich jeweils mit der Qualitätssicherung, mit dem Drei-Stufen-System und mit der Anerkennung von Credits und Abschlußzeugnissen befassen. Sie alle beraten das Ministerium für Bildung in Fragen der Straffung und besseren Strukturierung der Curricula des Drei-Stufen-Systems, fördern die Bologna-Prinzipien durch regionale Workshops und durch die gegenseitige Anerkennung von Leistungspunkten und bestimmen schließlich Struktur und Inhalt des Diploma Supplements.

Dabei wir darauf Rücksicht genommen, daß dies keineswegs einen Bruch mit der akademischen Tradition Rumäniens bedeutet und deren Vorzüge in das neue System entsprechend den gegenwärtigen Anforderungen überführt werden.

Die Evaluation von Qualität und Akkreditierungsverfahren wird vom Nationalrat für die Akademische Evaluation und Akkreditierung (CNEAA, 1993) wahrgenommen. Diese Tätigkeit wird vom Gesetz Nr. 88/1993 geregelt.

Demnächst soll eine Nationale Agentur für Qualitätssicherung in der Hochschulbildung geschaffen werden, die vor allem die Zusammenarbeit zwischen rumänischen und ausländischen Hochschulen in diesem Bereich besser gestalten soll.

Die Abschlußdiplome als offizielle Dokumente werden vom Nationalen Zentrum für die Anerkennung von Diplomen (CNRED, 1998) genehmigt und anerkannt.

Die Mobilitäten werden durch die Teilnahme Rumäniens an den Erasmus-, Socrates- und Leonardo da Vinci-Programmen geregelt. 2003/2004 wurden für die Erasmus-Mobilitäten 3.122.308 Euro zur Verfügung gestellt, davon machten 3005 Studierende Gebrauch. Weitere Beträge wurden für andere Bereiche bereitgestellt.

Von den rumänischen Lehrkräften nahmen 2003/2004 etwa 807 Personen an den Mobilitättsprogrammen teil, nach Rumänien kamen im gleichen Jahr 330 ausländische Lehrkräfte.  Es besteht also durchaus das Bedürfnis, die internationale Kooperation der Lehrenden sowie der Studierenden weiterhin zu optimieren und auszubauen. Dazu werden die neu eingebauten curricularen Module eine wesentliche Rolle spielen.

Die akademische Autonomie wird in Rumänien per Gesetz streng eingehalten. Dennoch gelten auch hier bei der weiteren Gestaltung der Hochschulbildung die allgemeinen nationalen und gesetzlich festgelegten Strategien und Ausrichtungen. Die Mitbestimmung der Studierenden an den laufenden Erneuerungsprozessen steht ebenfalls im Blickpunkt aller Hochschuleinrichtungen: Laut Gesetz Nr. 128/1997 sind die Studierenden in einem Prozentsatz von 25 in den Leitungsgremien der Fakultäten und Hochschulen mit vollem Stimmrecht vertreten.

Eine besondere Aufmerksamkeit wird dem Fremdsprachenunterricht geschenkt – so wurden zahlreiche Studiengänge in Fremdsprachen eingerichtet. Das Jean-Monet-Programm trägt wesentlich dazu bei. Damit ist die europäische und internationale Dimension des rumänischen Bildungswesens noch stärker zur Geltung gelangt.

*

Generell wurde beschlossen, daß im Hochschuljahr 2005/2006 mit der Einführung des Bologna-Prozesses in allen rumänischen Hochschuleinrichtungen begonnen wird.

Laut einer im Hinblick auf diese Tagung von der GGR durchgeführten Erhebung bei den germanistischen Lehrstühlen des Landes hat sich eindeutig herausgestellt, daß sie alle noch in diesem Herbst das Bologna-System einführen, nachdem darüber oft kontrovers, aber immer konstruktiv beraten wurde. Nicht nur die großen Germanistiklehrstühle (Bucureşti/Bukarest, Iaşi/Jassy, Timişoara/Temeswar, Cluj/Klausenburg, Sibiu/Hermannstadt), sondern auch die kleineren (Braşov/Kronstadt, Constanţa, Craiova, Oradea/Großwardein, Suceava/Suczawa) haben bereits die neuen Lehrpläne ausgearbeitet und eigene Strategien entwickelt. Hervorsticht die breite Bereitschaft, modulare sowie mehrsprachige Strukturen für die zweite Stufe anzubieten, die dadurch mehr Mobilität und Fexibilität ermöglichen. Das europäische Leistungssystem wurde bereits seit einigen Jahren eingeführt und hat sich nun landesweit etabliert und bewährt, was zugleich auch eine engere Anbindung des rumänischen Hochschulraums an den europäischen zur Folge hat.

Um diesen erfreulichen, wenn auch nicht ganz und nicht immer reibungs- und problemlosen Stand zu erreichen, haben die Germanistiklehrstühle des Landes schon seit längerem angefangen, über die Notwendigkeit der Einführung der neuen europäischen Bildungsstrategien nachzudenken, sich damit auseinanderzusetzen, Widerstände zu artikulieren und zu brechen, Vor- und Nachteile der neuen Entwicklungen zu prüfen und allmählich von konfliktualen Auseinandersetzungen zu konstruktiven Vorschlägen und Vorstellungen zu gelangen. Dabei spielten die nationalen und regionalen Treffen der letzten Jahre eine wesentliche Rolle bei der Bildung von Akzeptanz und Überzeugung gegenüber dem Bologna-Prozeß.

Gleich sei hier die Bemerkung gestattet, daß sich sowohl die GGR als auch der Bukarester Germanistiklehrstuhl um die Situation der Germanistik in Rumänien, um ihre fachliche und organisatorische Profilierung ebenso wie um ihre Internationalisierung intensiv bemüht haben, daß ihnen der enge und kurzsichtige Blick fremd ist, daß sie keine Resignation und keinen mimetischen Nachahmungstrieb kennen, sondern unentwegt darum bemüht waren, die aktuellen Aufgaben zu erkennen und sie stets mit vollem Ernst und Einsatz zu meistern. Hier seien einige Initiativen, Diskussionen, Treffen und Beratungen erwähnt, die auf Initiative der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens und des Germanistiklehrstuhls der Universität Bukarest zurückzuführen sind:

Noch im Heft 1-2 (7-8) / 1995 der „Zeitschrift der Germanisten Rumäniens“ wurde die Diskussion um Standort und Perspektiven der Germanistik in die Öffentlichkeit hineingetragen: der damalige deutsche Botschafter in Bukarest sprach seine Anerkennung gegenüber den Leistungen der rumänischen Germanistik aus, während Hartmut Böhme, Matthias Mander, Hans-Jürgen Krumm, Friedericke Wienhöfer, Reinhard P. Gruber, Ulrich Biere und Octavian Nicolae die Situation der Germanistik aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten. In mehreren Heften der „ZGR“ wurde auf die eigenen Traditionen der rumänischen Germanistik hingewiesen, wodurch die Wiederbesinnung der verschiedenen germanistischen Schulen und Traditionen in den verschiedenen Landesteilen auf die früheren Leistungen und die Neuanknüpfung an sie wesentlich gefördert wurden. (Heft 1-2 (9-10) / 1996, 1-2 (15-16) / 1999, 1-2 (17-18) / 2000 etc.) Im ersten Heft der neuen, in Zusammenarbeit mit dem DAAD herausgegebenen Publikation „transcarpathica. germanistisches jahrbuch. Rumänien“ (1, 2002) stand programmatisch gleich vorne der thematische Schwerpunkt „Zum Verhältnis zwischen Inlands- und Auslandsgermanistik. Eine internationale Debatte“, an dem sich zahlreiche prominente Germanisten aus der ganzen Welt mit gewichtigen Beiträgen beteiligten. Die Debatte wurde dann im Sonderheft 1-2 (21-22) / 2002, 1-2 (23-24) / 2003 der „ZGR“ durch weitere Stellungnahmen weitergeführt. Ebenfalls intensiv wurde über die Deutschsprachigkeit im Mittel-, Ost- und Südosteuropa debattiert. Diese Art der Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte der Germanistik trug in beachtlichem Maße zur Stärkung des Selbstbewußtseins, zur angemesseneren Positionierung der rumänischen Germanistik als aktiver Auslandsgermanistik bei.

Die Diskussion wurde durch einige Höhepunkte begleitet: Die vier bislang alle drei Jahre in Rumänien abgehaltenen Kongresse der Rumänischen Germanisten (1994, 1997, 2000, 2003) gestalteten sich durch die hohe internationale Beteiligung zu echten Foren einer erkenntnistheoretischen sowie praxisnahen Germanistik. Forschungsvergleiche, Standortbestimmungen, Grenzüberschreitungen, Interdisziplinarität, Interkulturalität, Transnationalität, Mehrsprachigkeit  waren Gegenstand und Ergebnis tagelanger Vorträge, Foren, Begegnungen, Lesungen, Workshops und studentischer Forschungsdebatten. Auf dem 2003 in Sibiu/Hermannstadt durchgeführten Kongreß wurde im Rahmen der traditionellen Sektion Didaktik des DaF-Unterrichts ein Podiumsgespräch zum Thema „Gestaltung der Aufnahmeprüfung im Wandel der Aufgaben der rumänischen Germanistik“  eingerichtet, auf dem spezifische, neue, hoch aktuelle Aufgaben im Hinblick auf die Einführung des Bologna-Prozesses zur Debatte gestellt wurden. Die heftig umstrittenen Aspekte wurden dabei ebenso bevorzugt wie die konstruktiv-kreativen. Vor langer Hand wurde eine solche Diskussion vorbereitet durch die jahrelang unternommenen gemeinsamen Bemühungen der Germanisten und des Goethe-Instituts in Bukarest um die Modernisierung, Neuprofilierung der Deutschlehrer sowie ihrer Aus-, Weiter- und Fortbildung. Dabei spielten die praktischen und theoretischen Seminare sowie die klärenden Diskussionen, die die im Rumänischen Bildungsministerium bestehende Landeskommission für DaF initiierte und durchführte, eine ebenfalls gewichtige Rolle.

Von entscheidender Bedeutung erwies sich die Teilnahme rumänischer GermanistInnen an den zwei jüngsten bedeutenden germanistischen Ereignissen: an der Europäischen Konferenz zu Fragen des Bologna-Prozesses in Berlin, Februar 2004, und am Deutschen Germanistentag, München 2004. Die hier angeknüpften Kontakte, die äußerst anregenden Vorträge und Diskussionen trugen zu einem besseren Verständnis der aktuellen Aufgaben der Neustrukturierung der Germanistik, ihrer Zielstellungen, ihrer Methoden und Curricula bei.

Es folgten die gut besuchten und ergebnisreichen regionalen Tagungen, die die GGR und der Bukarester Germanistiklehrstuhl zusammen mit dem DAAD in Rumänien veranstalteten: die Tagung: "Deutschlehrerausbildung in der Germanistik aus der Perspektive des Bologna-Prozesses", Bukarest, 3.-5. Dezember 2004  , sowie die Tagung: “Ein umfassendes Curriculum der Germanistik im Hinblick auf den Bologna-Prozeß”, Sighişoara/Schäßburg, 10.-13. Februar 2005  .

Für all diese Möglichkeiten, mit der Fachwelt Erfahrungs- und Gedankenaustausche durchzuführen, die unseren Blick für die neuen Bedürfnisse in der Deutschlehrerausbildung, in der Ausbildung von praxisorientierten Germanisten erweiterten, damit die stringentesten und aktuellsten Aufgaben  erkannt und zeitgerechten Lösungen in Erwägung gezogen wurden, sei dem DAAD, der DFG, den inlands- und auslandsgermanistischen FachkollegInnen ganz besonders gedankt. Gedankt sei ihnen allen zugleich für die Bereitschaft, auch die spezifischen Sorgen und Probleme der Auslandsgermanistiken zur Kenntnis zu nehmen und dafür Verständnis zu zeigen.

Angesichts der zunehmenden Akzeptanz der Bologna-Beschlüsse, die durch die Unterzeichnung der Bergener Deklaration 2005 durch 45 Staaten deutlich signalisiert wurde, und um Gemeinsamkeiten sowie Spezifika in den mit der Einführung des Bologna-Prozesses zusammenhängenden Fragen herauszustellen und gemeinsam zu hinterfragen und zu besprechen, schlug die GGR auf dem Deutschen Germanistentag im September 2004 in München die Konstituierung einer Verbindungsgruppe der europäischen Germanistenverbände vor und konkretisierte diesen Vorschlag auf der gegenwärtig stattfindenden europäischen Tagung durch weitere, in der Diskussion zu ergänzenden Vorstellungen.

Das zeugt davon, daß die GGR ebenso wie die Germanistiklehrstühle in Rumänien nicht nur darum bestrebt sind, ihre eigenen Aufgaben zu meistern, sondern auch den Blick auf den Inlands- und Auslandsgermanistiken richten, um die gemeinsame Sache gemeinsam  voranzutreiben.

 George Guţu, Präsident der GGR, Leiter des Bukarester Germanistiklehrstuhls - Frankfurt (Oder), den 12.06.2005

(Vervielfältigt und am 17.06.2005 in Freiburg verteilt.)

 

www.e-scoala.ro

Imagine Romania!

Lernen Sie Deutsch - Kliken Sie hier