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Stimmen
zur
Zeitschrift der Germanisten Rumäniens
Enthusiasmus für die deutsche Sprache und Literatur
Von Hans Bergel
Die Geschichte der Germanistik in Rumänien – die im alten Königreich
Rumänien mit dem am 5. November 1905 an der Universität Bukarest
eingerichteten Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur beginnt –
böte mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Leistungen und Krisen einem
Romanautor Stoff in Überfülle für eine spannende, streckenweise sogar
dramatische Erzählung. Europaweit geschätzte Gelehrte wie der nach
Studien in Wien und Berlin in Gießen zum Dr. phil., in Paris zum Dr.
jur. promovierte Philosoph, Kulturkritiker und Politiker Titu Liviu
Maiorescu (1840-1917) und der nach Studien in Frankreich, Deutschland
und Italien aus Leipzig mit dem Dr. phil. nach Rumänien zurückgekehrte
Historiker und Politiker Nicolae Iorga (1871-1940) hatten an der
Gründungsveranstaltung teilgenommen.
Im Laufe des seither verstrichenen Jahrhunderts gehörten zu den Leitern
des Lehrstuhls Professoren vom Format eines Simion Mândrescu, 1905-1938,
Jean Livescu, 1955-1976, oder – bis 1984 – der als „titanische
Renaissancegestalt“ bezeichnete Dr. phil der Universität Tübingen Mihai
Isbăşescu. Kriege, Diktaturen, politisch verordnete Kultureinschnitte,
die Auswanderung der an allen Germanistik-Lehrstühlen des Landes ehemals
hervorragend präsenten rumäniendeutschen Studenten, Entzug und
Wiedererlangung der Lehrstuhlautonomie u.v.a. markieren einen Weg der
Auf- und Abschwünge und immer neuen Herausforderungen für die
Verantwortlichen.
In einem Land, dessen Intellektuelle sich seit rund zwei Jahrhunderten
weitgehend als frankophil verstehen, in dem alle Fremdsprachen während
der kommunistischen Diktatur 1945-1989 durch das vom Staat verordnete –
ungeliebte – Russische an die Wand gedrängt waren und in das seit
1989/90 das zurzeit als Weltsprache dominierende Englische einströmt,
hat das Deutsche – einst die Handelssprache in Osteuropa – keinen
leichten Stand. Umso bemerkenswerter und aus deutscher Sicht
unterstützungswürdiger ist die Arbeit der Germanisten Rumäniens. Ihr
herausragender Vertreter unserer Zeit ist der 1944 im Donauhaufen Galatz
geborene, 1964-1969 in Leipzig ausgebildete, 1977 ebendort promovierte
und seit 1993 als ordentlicher Professor, seit 1998 als Lehrstuhlleiter
in Bukarest tätige Dr. George Guţu. Über den Hochschullehrerberuf hinaus
machte er sich als Gründer germanistischer Gesellschaften bzw.
Forschungseinrichtungen und Initiator wie Organisator
grenzübergreifender wissenschaftlicher Begegnungen auch im Ausland einen
Namen.

George Guţu veranstaltete und führte nicht nur internationale
Germanistenkongresse im Land durch – Neptun 1994, Sinaia 1997, Jassy
2000, Hermannstadt 2003, Temeswar 2006 –, zu denen sich Fachleute aus
der halben Welt einfanden. Hatte er in „bewusster Fortführung der
germanistischen Tradition seines Heimatlandes“ (Südostdeutsche
Vierteljahresblätter 2/2004) schon 1990 die „Gesellschaft der
Germanisten Rumäniens“ gegründet, so rief er 1992 auch deren Zeitschrift
der Germanisten Rumäniens ins Leben. Er ist seither ihr Chefredakteur.
Die Zeitschrift nimmt unter den vielfältigen Tätigkeiten des „mit
lateinischem Esprit und preußischer Genauigkeit“ (idem) agierenden
Mannes aus mehrfachem Grund eine besondere Stellung ein. Allein die
beiden letzten (Doppel-) „Hefte“ zählen insgesamt 1305 Seiten. Das sind
keine Hefte mehr, sondern umfangreiche Bände mit summa summarum rund 160
Beiträgen, für die fast ebenso viele Verfasser zeichnen: Literatur- und
Sprachwissenschaftler, -historiker und -kritiker, Lexikographen und
Mundartforscher, Semantiker und Archivare, Literaturpädagogen und
-didaktiker, Lehrbuchautoren und wissenschaftliche Rezensenten, nicht
zuletzt Schriftsteller aller Gattungen von der Lyrik bis zum Essay, von
der Studie bis zur Memorialistik, von der Erzählprosa bis zur
Aphoristik.
Beachtlich wie die Mannigfaltigkeit der Texte ist der länder- und
nationenübergreifende Ehrgeiz der Zeitschrift. Einen breiten Raum nimmt
dabei das so genannte „rumäniendeutsche“ Schrifttum ein – deutsch
schreibende Autoren, die in Rumänien leben oder aus Rumänien stammen und
im Ausland heimisch wurden –, handle es sich um Verstorbene oder
Lebende. Die Namen Anemone Latzina, Rose Ausländer, Carmen Elisabeth
Puchianu, Paul Celan, Hans Weresch, Manfred Winkler, Stefan Sienerth,
Peter Motzan u. a. tauchen z. T. als Untersuchungsgegenstand, z. T. als
Verfasser auf. Zugleich richtet sich das literaturhistorische und
-wissenschaftliche, das übersetzerische und analytische Interesse der
Zeitschrift auf rumänische, österreichische, bundesdeutsche,
deutsch-israelische oder andere Namen. Dazu zählen intertextuelle,
komparatistische Studien zum Beispiel über Thomas Mann und James Joyce,
Franz Kafka und Mircea Cărtărescu, Friedrich Nietzsche und Émile Cioran,
aber auch Lucian Blaga, Tudor Arghezi und Alfred Margul-Sperber. Ebenso
stehen Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Goethe, Hölderlin,
Georg Trakl, Ingeborg Bachmann, Heinrich Heine, Hannah Arendt, Joseph
Roth und eine Reihe weiterer literarischer Größen im Mittelpunkt
untersuchender Ausführungen der unterschiedlichsten Art.
Nicht minder umfangreich ist die Liste wissenschaftlicher Autoren der
Germanistik sowohl aus dem europäischen als auch aus dem
außereuropäischen Bereich, die wir in den beiden letzten Heften der
Bukarester Zeitschrift als Verfasser von Beiträgen finden. Die Liste
enthält Dutzende von Namen aus fast ebenso vielen Ländern, unter denen
sich Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Frankreich, Jordanien,
Kanada, Slowakei, Slowenien, die Republik Moldau, Ungarn, Niederlande,
Ukraine, Griechenland, Polen u.a. befinden – Repräsentanten berühmter
Universitäten oder Forschungsinstitute in Paris und Tübingen, Rom, Wien
und Berlin, Göttingen, Warschau, Amsterdam, Sevilla, Madrid etc. Der
Themenreichtum, den die Zeitschrift solcherart anzubieten hat, ist für
den Laien verwirrend, für den Fachmann eine Fundgrube von
Spezialabhandlungen, die er nur hier findet.
So schreibt z.B. Raluca Rădulescu, Universität Bukarest, über „Die
rumäniendeutsche Literatur. Sonderstatus und Wertungsproblematik“;
Larissa Cybenco, Universität Lemberg, Ukraine, über die „Musik als
grenzübergreifendes Thema bei Ingeborg Bachmann: Der Fall Malina“;
Martine Dalmas, Sorbonne, Paris, über „Ausruf – Beschimpfung – Fluch.
Zum kommunikativen Status kurzer Exklamationen“; Alfonso Corbacho,
Universität Extremadura, Spanien, über „,Ein schöner Spruch im
Gedächtnis ist wie ein Stück Geld im Kasten.‘ Zu den Sprichwörtern im
Bereich der Wirtschaft“; Jeroen Dewulf, Universität Porto, Portugal,
über das Thema „Vom ,Guten Wilden‘ zum ,Guten Zivilisierten‘. Zu Felix
Speisers Ethnographie ,Im Düster des brasilianischen Urwalds‘, 1926“;
Anita-Andrea Széll, Universität Klausenburg, über die „Übersetzung als
,Tanz in Ketten‘. Aspekte der Übertragung des Romans von Hans Bergel ins
Rumänische“; oder Gabriel Jarnea, Universität Tübingen/Kulturinstitut
Berlin, eine kulturanamnetische Betrachtung über „Die Geburt der
deutsch-rumänischen Perzeptionsbarrieren aus dem Geiste der
interkulturellen Missdeutung“; etc.
Neben den wissenschaftlichen Autoren sind solche belletristischer Texte
in der Zeitschrift vertreten. In den hier zur Diskussion stehenden
beiden Heften Wulf Kirsten, Michael Astner, Hugo Loetscher, Klaus Demus,
Manfred Winkler u. a. Aufschlussreich auf bestem Niveau sind die an
analytische Kurzstudien oder -essays heranreichenden Buchbesprechungen,
gleichviel ob Markus Fischer, Universität Heidelberg, Georg Aeschts
Übersetzung der „Rückkehr des Hooligan. Ein Selbstporträt von Noman
Manea“, Martin A. Hainz den von M. Flonta und Gh. Stefanov
herausgegebenen Band „Ludwig Wittgenstein in der Philosophie des 20.
Jahrhunderts“ untersucht oder Grete Tartler sich zu der von Iulia Karin
Patrut, George Guţu und Herbert Uerlings editierten Anthologie „Fremde
Arme – arme Fremde: ,Zigeuner‘ in Literaturen Mittel- und Osteuropas“
äußert; usw. Hinzu kommen schließlich die kritischen Berichte über
einschlägige Tagungen, Symposien, Kolloquien oder Kurse – durchwegs
informationsreiche Reportagen über den internationalen Ideen-, Themen-
und Erfahrungsverkehr zwischen germanistischen Fachleuten aller
Wissenschaftsrichtungen.
Die Zeitschrift der Germanisten Rumäniens ist allerdings nicht allein
als publizistisches Ereignis losgelöst vom Entstehungsumfeld zu werten.
Sie ist viel mehr! Sie ist ein Spiegelbild und zugleich ein Zeugnis der
Hingabe, Leidenschaft und Liebe zur deutschen Sprache und Literatur, wie
sie unter Rumäniens Germanisten und deren Studenten lebendig sind. Schon
allein die Tatsache, dass die umfangreichen Bände mit der erstaunlichen
Materialfülle und -vielfalt von ihrem Chefredakteur und wenigen Helfern
aus dem Kreis seines Lehrstuhls ehrenamtlich: aus Enthusiasmus für die
Sache gemacht werden, belegt die Feststellung. Das, was eine Bukarester
Germanistin 1928 – dreiundzwanzig Jahre nach der Gründung des Lehrstuhls
– im Rückblick auf geleistete Lehr- und Forschungsarbeit anmerkte, gilt
trotz aller Wandlungen in Auffassung, Lehrmethode und Zielrichtung, die
der Fachbereich der Germanistik seither durchmachte, unverändert bis
heute. „Jahr für Jahr“, schrieb Maria Immaculata, „zogen sie an uns
vorbei: die großen Dichter und bedeutenden Strömungen der deutschen
Nationalliteratur (...) mochten sie dem blühenden Zeitalter des
Minnesanges oder des Klassizismus angehören, mochten sie der Ausdruck
romantischer Überschwänglichkeit oder realistischer Weltanschauung
sein.“
Es ist kein Zufall, dass Rumäniens Germanistik nicht nur die beste in
Südosteuropa, sondern eine der besten überhaupt außerhalb des deutschen
Sprachraums in Europa ist. Wer ihre Vertreter z. B. bei internationalen
Tagungen hört – wie jüngst in Bad Kissingen (siehe Siebenbürgische
Zeitung vom 30. März 2008, S. 7) –, gewinnt einen Maßstab des Vergleichs
zu ihren Gunsten. Die Anstrengungen und die Erfolge, die George Guţu und
sein Lehrkörper allen Widernissen zum Trotz fortführen und buchen,
äußern sich nicht zuletzt in Aufmachung und Inhalt der Zeitschrift der
Germanisten Rumäniens. Den Persönlichkeiten, die von Bukarest aus nicht
allein germanistische Universität- und Forschungsarbeit, sondern auch
Publizistik betreiben, wie dies im besonderen seit 1992 die hier
vorgestellte Zeitschrift tut, gebühren Anerkennung und Respekt.
In: Siebenbürgische
Zeitung, 28. August 2008 |
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